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Gilt Bedürfnisorientierung für alle?

Ich greife vor. Ja. Verdammte Axt. Natürlich gilt das für alle! Jeder in einer Familienkonstellation hat das Recht, das seine Bedürfnisse beachtet werden.

Aber….

Ja, da ist ein Aber. Und das Aber kam mir beim Live-Talk zwischen Isabel Falconer (Magna Mater) und Tabea Laue (Mama-Baby-vision) wieder besonders hoch.

Bedürfnisorientierte Erziehung aka Attachment Parenting (AP)

Viele Namen, gleiches Prinzip: Bedürfnisorientiertes (ja, wirklich!) Familienleben. Naturgemäß liegt der Fokus dabei auf denen, die sich weniger helfen können, die unsere Unterstützung ganz besonders intensiv brauchen.

Das Baby.

Denn (neugeborene) Babys können

  • weder sprechen noch
  • aufstehen und sich was aus dem Kühlschrank holen noch
  • überhaupt stehen, gehen oder weiter als 30cm gucken

Tja. Sie brauchen uns. Damit wir sie füttern, wärmen, tragen, sie beschützen. Babys Bedürfnisse sind tatsächlich überlebenswichtig – für das Baby. Diese instinktive Einforderung und die Erwartungshaltung unserer Babys, auf die prompte Erfüllung dieser Bedürfnisse zu pochen – durch jammern, nicht-ablegen-lassen, durch Schreien – das ist normales Babyverhalten.

Mit der Brille der Stillberaterin ist für mich diese prompte Reaktion auf Baby-Bedürfnisse eine Selbstverständlichkeit. Denn gerade in diesen wenigen ersten Wochen und Monaten, in denen das entwicklungstechnisch einfach unglaublich wichtig ist, da steht das Baby im Fokus.

Da kommt mein erstes Aber: Bedürfnisorientierte Erziehung, oder AP oder wieauchimmer man das nennen will, KANN fordernd und erschöpfend sein. Muss es aber nicht. Und stillen, tragen oder Familienbett KANN die Grenzen der Eltern übertreten. Es kann aber auch sein, das genau das, diese Trias aus Bedürfniserfüllung, genau die Lösung für Eltern ist. Vielleicht ist tragen durch die Oma und Flasche füttern plus Familienbett die bessere Lösung. WIE die Bedürfnisse des Babys erfüllt werden, ist relativ flexibel. Wichtig ist, dass sie erfüllt werden.

AP selbst ist nicht per-se Grund für elterliche Burnout-Gefahr. Auch wenn es sicherlich in unseren Kreisen weitaus häufiger vorkommt, als bei anderen Lebens- und Erziehungsstilen. Und welche Ausmaße es im Familienalltag annehmen kann, ist sowohl erschreckend – als auch lehrreich.

Ich weiß noch, wie ich einmal fast eine halbe Stunde lang völlig apathisch in der Kita-Garderobe saß und auf meine ältere Tochter wartete, während die anderen Eltern lachten, sich unterhielten, fröhlich waren. Und dachte: Warum merkt keiner, was mit mir los ist? Meinem Mann fiel vor allem auf, dass ich so oft mit den Kindern laut wurde und nahm sie in Schutz. Das war natürlich richtig, aber meine Not hat er nicht gesehen.

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Und WARUM sind Eltern (ja, ich nehme hier bewusst den Vater mit dazu!) in AP-Kreisen besonders gefährdet?

These 1: AP und bindungsorientierte Erziehung ist etwas, das das Überleben des Babys sichert – und damit den Fortbestand des Clans, der Gruppe, wie du es auch nennen magst. In einer unsicheren Umwelt mit schlechter Nahrungsversorgung machen sofortige Bedürfniserfüllung und eine enge Bindung an Bezugspersonen Sinn: Es sorgt dafür, das kein Baby vergessen wird und untergeht.

These 2: Bindungsorientierte Erziehung ist nicht dafür gemacht, in einer Kleinfamilie mit der sehr häufigen Abwesenheit eines der zwei Erwachsenen zu funktionieren. Dafür ist das drumherum aus CareArbeit, aus Selbstfürsorge und so weiter zu mächtig, zu fordernd.

Ich glaube ganz fest daran, das in stabilien Familienverbänden AP etwas ist, bei dem keiner permanent an seinen Grenzen kratzt. Bei dem sich Mütter nicht verzweifelt fragen, wie sie das bloß alles hinbekommen sollen. Weil die Last der Verantwortung, weil die Freude, das Lachen und auch die ganze CareArbeit auf viele Schultern im Clan verteilt werden.

Nichts läuft ohne Mama?

Mitnichten. Auch wenn häufig die Mutter die Hauptbezugsperson ist, so binden sich Neugeborene doch durchaus an mehrere zuverlässige Bezugspersonen. Zeit & Hautkontakt & prompte Bedürfniserfüllung sind unter anderem die Komponenten, die eine feste Bindung begünstigen.

Ein pragmatischer Ansatz ist der Dreisatz aus stillen, tragen, Familienbett. Aber auch schieben, kuscheln und Flasche geben kann funktionieren.

Pragmatisch ist für mich an dieser Stelle das Zauberwort, weil:

  • prompte Bedürfniserfüllung kann anstrengend sein – je einfacher es für die Bezugsperson ist, desto leichter kann den Forderungen nachgekommen werden
  • elterliche Ressourcen sind begrenzt – je weniger man einsetzen muss, desto besser ist man in Krankheits- und Wachstumszeiten aufgestellt

Und für mich waren stillen-tragen-Familienbett pragmatische, ressourcensparende Ansätze, um meinen Kindern gerecht zu werden. Ohne mich selbst völlig an die Grenzen zu treiben.

Ok, manchmal war ich trotzdem an meinen Grenzen. Und auch darüber hinaus. Weitere pragmatische Lösungsansätze sind mir leider erst später begegnet:

  1. Wochenbett-Care Pakete aus dem „Clan“: Essen, Lebensmittel für schnelle Gerichte
  2. externe Hilfe für Papierkram, Haushalt & anderen Kram, für den man einfach keine Nerven hat – auch als Austauschprogramm im „Clan“
  3. Kinder raus aus dem Fokus, rein in den Alltag (ja, beim ersten Kind wäre das ein hilfreicher Ansatz gewesen!)
  4. ….. (da gibt es bestimmt noch viele mehr!)

Der Punkt der Burnout-Gefahr ist ja weniger der, das man bei Magen-Darm nachts um 4 völlig verzweifelt neben dem kotzenden Kind sitzt und heult. Ich glaube, das kennen alle Eltern. Oder das man nach wochenlanger Zahn-Schub-Phase irgendwann dünnhäutig und angekratzt existiert und bei der kleinsten Kleinigkeit explodieren könnte.

Sondern, das man danach AUCH keine Möglichkeit hat, sich davon zu erholen, sondern permament seine eigenen Ressourcen ausleert, seine Grenzen und die Erschöpfung ignoriert, um immer weiter und weiter zu machen. Dabei geht es genau darum bei der bindungsorientierten Erziehung: Nach anstrengenden Phasen auch wieder Pausen zu genießen. Und sie bewusst auch einzufordern. Das stärkt nämlich die Bindung, das miteinander, die Beziehung zueinander. Um es mit einem Sprichwort zu sagen: Aus einem leere Brunnen kann niemand Wasser schöpfen.

Pausen genießen & einfordern: Weil Oma & Opa das Enkelkind freudestrahlend in Empfang nehmen. Oder, indem man sein Kind bei Freunden lässt, während man selbst 20min Ruhe genießt.Die Bezugskindergärtnerin das morgendliche Ankommen & Verabschieden auffangen lässt, wenn das Kind das braucht, statt sich selbst mit Zeitdruck in Erklärungen zu stürzen.

Weil „das Dorf“ eben auch eine Beziehungs- und Betreuungsrolle hat, für die es sowohl Zeit als auch Gelegenheiten haben muss. Dieser Freiraum durch den geteilten Erziehungsauftrag (wenn man das so nennen mag), der gibt uns als Eltern den Raum, für uns selbst zu sorgen. Und arbeiten zu gehen. Oder soziale Kontakte zu pflegen, die über Elterngruppen und Wartezimmer hinaus gehen.

Bedürfnisse sind wandelbar

Wer jetzt an die klassische Bedürfnis-Pyramide denkt: Jain. Natürlich bleibt das Bedürfnis nach Wärme, Essen, trinken, Nähe, sozialer Kontakt usw. bestehen.

Aber, und das Aber ist riesengroß: Ihre Dringlichkeit ändert sich. Ein Baby wird zum Kleinkind. Es verhungert nicht, wenn es mal etwas länger aufs Essen warten muss. Ein Kleinkind wird zum Kind, das sich selbst beschäftigen kann, das Freunde besuchen und anderswo übernachten mag. Aus dem Kind wird ein Teenie und letztlich ein Erwachsener, der von seinen Eltern viel weniger Ressourcen benötigt.

Die Dringlichkeit ändert sich. Die ersten Jahre sind für viele Eltern erschöpfend. Aber diese fordernden Jahre sind irgendwann – tatsächlich – vorbei. Auch dieser Gedanke kann ein Lichtblick sein.

Ressourcen zum Weiterlesen

Da gibt es noch reichlich Lesestoff zum Thema. Im ersten Punkt findest Du den Facebook-Livetalk, auf den ich mich eingangs beziehe. Danach folgen noch einige Texte, die wir hier auf dem Blog zum Thema bindungsorientierte Erziehung verfasst haben.

Schon wieder ein Aber: Besonders ans Herz legen möchte ich dir den (langen, aber ausführlichen) Artikel von Lena Busch vom Unerzogen Magazin: Hilfen für Mütter

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