Achtsamkeit, Familienalltag, featured, persönliches
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„Ich will das hier“ ist nicht genug.

Ich habe neulich in einer Diskussion zur #vereinbarkeit einer anderen Mutter  den Rat gegeben, sich Unterstützung und Hilfe zu suchen. Dabei hatte ich mich innerlich darüber aufgeregt, warum „wir“ als Gesellschaft erwarten, dass Frauen das mit dem, Job, den Kindern, dem Haushalt, dem gesunden Lebensstil, dem erfüllten Leben… hinbekommen. Schon wieder. Warum wir SELBST erwarten, dass wir das hinbekommen müssten. Und dann erschöpft feststellen, dass das gar nicht klappt. Also, doch – bei manchen klappt das. Was es für alle anderen nur noch schwerer macht. Denn der Druck, genauso stark, zukunftsorientiert, feministisch, selbst-bewusst zu sein… der ist stark.

Wenn mich also jemand fragt, dann gebe ich meistens meine „Best of“ zur Vereinbarkeit und hoffe, das irgendwas davon hilfreich sein könnte.

  1. Entlasten: Alles streichen, was zusätzlichen Aufwand bedeutet. Ja, auch aufwendige, aber gewünschte Kinderpartys, die Chorprobe der Tochter oder das liebgewonne Yoga am Abend mit drumherum notwendiger Organisation.
  2. Outsourcen: Einkauf, Essen, Putzen, Fahrdienste. Was halt so anfällt, was Kraft zehrt, was Zeit kostet.
  3. Zurückbesinnen: Nur das Wesentliche, das Wichtige, das Kraftschenkende machen. Sich selber und seinen inneren Brunnen füllen.

Und wisst ihr was? Vor mir selber muss ich dann den Kopf schütteln. So wenig hilfreich sind diese Standard-Antworten. Denn genau das sind sie doch. Oder vielleicht stecke ich auch schon zu tief drin im #vereinbarkeitsdschungel, denn die Leute, die ich besser kennenlerne… die haben das schon länger durchexerziert. Die haben schon runtergeschraubt, die ignorieren den Haushalt, kaufen Kuchen (statt zu backen), haben im Leben noch nie einen fu**** Melonenhai im Kindergarten abgegeben, lavieren an allen Posten und Aufgaben in Schule und Kindergarten vorbei – und sind trotzdem erschöpft von den Anforderungen.

Als Freiberufler (und auch als Mutter) bekommt man eigentlich immer noch eins zugeworfen. Das „mach, was du liebst“, weil das angeblich alles einfacher machen würde. Tut es nicht. Jedenfalls nicht immer.

#vereinbarkeit oder: Entlaste dich halt!

Punkt 1 tut scheiße weh. Es tut weh, dem Kind sagen zu müssen, dass das (neue/alte) Hobby nicht drin ist. Weil es finanziell nicht geht (mehr Druck, mehr Aufwand), aber vor allem: Weil es kraftmäßig einfach nicht drin ist. Weil der Fahrdienst, die Organisation, das Dran-denken-müssen keiner leisten kann.

Es tut auch verdammt weh, sich selbst und wichtige Projekte, Ideen, Hobbys und Wünsche auf den Prüfstand zu stellen. Und notfalls nach hinten zu schieben, was gerade nicht geht. Die Liste für diesen Blog ist so lang, dass ich kein Ende sehe. Ich weiß, wie dankbar Uta als meine Blogpartnerin, vor allem aber als meine Freundin, für mein Weitermachen ist.

Ich weiß aber auch, dass ich momentan gar keine Zeit, keine Kraft, keine Ressourcen dafür habe. Ich will, und kann doch gar nicht. Und so liegen sie hier, die angefangenen Artikel zu Mutter-Kind-Kuren, zu Achtsamkeit, zum Ferientetris. Es sind wichtige Themen, die mir am Herzen liegen. Ich will sie nach außen tragen und ich will, dass sie gehört werden, weil es die Rahmenbedingungen für uns alle betrifft. Aber ich kann grad nicht. Ich habe weder die Zeit, noch die Nerven für fundierte und gut durchdachte Artikel, die – seien wir ehrlich – nicht bezahlt werden, also Privatspaß sind. Ich muss es liegen lassen, und das schmerzt. Das „Mach das, wofür du brennst“ wird von anderen Notwendigkeiten überlagert.

#vereinbarkeit oder: Hole andere ins Boot!

Punkt 2 ist verdammt schwierig. Ich gebe diesen Rat nur sehr ungern an andere weiter. Denn: Schon mal versucht, eine zuverlässige Reinigungskraft zu finden? Eine, die sich anmelden lässt, statt schwarz zu arbeiten. Die pünktlich wiederkommt und nicht mit faden Ausreden verschwindet. Die zuverlässig ihren Job macht. Vielleicht ist das in der Stadt leichter, aber meine Erfahrungen auf dem Dorf sind keine guten. Und ich bin mit diesen Erfahrungen nicht allein.

Familienhilfen & Co. scheinen Glückssache zu sein. Manche sind gut, andere weniger. Manche bringen echte Entlastung und werden zu Familienmitgliedern, andere muss man gezielt wieder loswerden, weil mit ihnen alles nur noch schlimmer wird.

Die vielbeschriebene Nachbarschaftshilfe gibt es  hier nicht, jedenfalls nicht in dem Maße, wie wir sie bräuchten. Mein Clan ist verstreut – und meistens nur/immerhin virtuell für mich da. Das heilt etwas, aber ändert nichts am Chaos im Haus oder Zeitnot bei späten Terminen. Ein tragfähiges soziales Netz aufzubauen, ist mühsam. Das braucht Kraft. Man muss investieren – Zeit, Nerven, Freundlichkeit – bevor man daraus dasselbe abschöpfen kann. Damit hätten wir vor den Kindern anfangen sollen, haben wir aber nicht. Da haben wir das nämlich gar nicht gebraucht. Und um Hilfe bitten ist auch viel leichter, wenn man das jemand anderem vorschlägt.

#vereinbarkeit oder: Schalte doch einen Gang zurück!

Punkt 3… Ach, ehrlich wahr. Wir lesen das überall, es ist logisch und klar und absolut notwendig. Sich selbst füttern, um allen anderen zu helfen. Auf sich selbst achten.

Die Eltern mit kranken Kindern in meiner Umgebung schütteln dann nur müde den Kopf. Entlastung ist rar und wird für das verwendet, was gerade am allerdringendsten ist. Selten ist das der eigene Brunnen. Oft ist es irgendein organisatorischer Kram, der dann endlich vom Tisch ist.

Die Alleinerziehenden kriegen meistens erst gar keine Unterstützung. Oder brauchen, siehe oben, ein weites soziales Netz. Das fällt nicht einfach vom Himmel, das muss man sich erarbeiten. Bevor man es wirklich braucht.

Und dann gibt es noch diese Mittelschichtler, da gehören auch wir dazu. Das Einkommen eigentlich gut, der Lebensstandard da – und die Angst vor Verlust, die Angst vor fehlender Arbeit, vor weniger Einkommen, vor der nächsten großen Rechnung ist groß. So groß, das sie den Alltag blockieren kann. Der eh schon oft so durchgetaktet ist, dass nichts dazwischen geraten darf. Oft gelesen, ist das“dann muss man sich halt auf weniger beschränken“ und genau das lässt mich nur müde lächeln. Finanzielle Verpflichtungen kann man nur selten mal eben ablegen, wenn man sie einmal getroffen hat – und das schon ne Weile her ist. Hauseigentümer können das schon mal gar nicht. Da bleibt der Druck und es bleibt die Angst, dem allen nicht nachkommen zu können – und zwar dauerhaft.

„Vereinbarkeit“ mit all seinen Facetten erschöpft

Sowas erschöpft. Und es gibt keine Unterstützung, für die man NICHT selber aktiv sein muss. Man muss sich immer selbst kümmern, beantragen, anrufen, nachfragen, drauf drängen, nachlaufen. Woher soll die Kraft dazu kommen? Wer soll das eigentlich leisten, wenn doch der Brunnen längst leer, das Chaos da und die letzten wichtigen Extras schon lange gestrichen sind?

Ich weiß es nicht. Nicht mehr. An guten Tagen kann ich über das hier lächeln. Es gibt sie nämlich, diese guten Tage. Da kriegen wir das alles hin. Da hat man die Kraft, blöde Telefonate zu führen. Und sich für seine Rechte einzusetzen. Da kann man sich mit dem Partner streiten und trotzdem liebevoll bei den Kindern sein. Da funktioniert das mit der Arbeit, dem Leben, der Verantwortung. Da ist „Ich will das hier“ ein verdammt guter Ansatz.

Nur sind diese Tage nicht immer da.

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