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Die neue Häuslichkeit

Der Gedanke zu diesem Beitrag schwebt mir schon länger im Kopf herum. Letztlich war Julia Friedrichs im Zeit Magazin schneller – und hat zu dem Thema viele Aspekte zusammengetragen.

Worum es geht: Mir fällt seit Jahren auf (bei anderen – und bei mir!), wie häuslich die Menschen werden. Es wird gebacken, gekocht, gehäkelt, gestrickt, der Garten gepflegt. Es gibt endlose (online) Diskussionen darüber, wie die Wände im Kinderzimmer zu streichen sind, welche Dekoration den Jahreszeitentisch schmückt – und wie man am besten Karten gestaltet, damit der XY-Tag unvergesslich wird.

Ich beobachtete das mit einem gewissen Abstand – bis ich mich selbst ertappte. Die Hälfe meines FB-Contents zielt auf Essen (Backen, Kochen) oder Handwerkliches. Mittlerweile haben wir eine heimische Ausstattung, die sich sehen lassen kann: Räucherofen, Brotbackofen (auf der Terrasse, Großformat), Gärballons für Wein & Met (Jahrgänge von 2008 aufwärts im Keller eingelagert), jährlich wechselnde Konfitüren, Marmeladen, Kräuterzubereitungen, Tee-Sorten, Wurst, Schinken & sonstiges Geräuchertes …. Häkeln, stricken und nähen kann hier aber keiner. Das kaufen wir zu. Und Deko ist auch eher dünn gesät.

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Meine eigene Erklärung für dieses Verhalten: Wer ständig mit dem Kopf (ok, und den Fingerspitzen auf der Tastatur) arbeitet, braucht irgendwann auch mal was konkretes. Eine Sammlung Marmeladengläser, gefüllt mit dem Leckersten aus dem Garten – das hat Substanz. Ein Kommunikationskonzept ist nachher auch sichtbar – aber letztlich sind es Tintenstriche auf Papier. Essen kann das nachher keiner.

Erklärungsansätze: Warum werden wir so häuslich?

Einer der Erklärungsansätze der Zeit-Redakteurin: Kulturtechniken werden „bewahrt“. Und eben auch: Konkretes schaffen. Projekte, die einen Anfang und ein Ende haben – ohne Umwege. Wobei meine Freundinnen mit Näh-Vorlieben mir versichern, dass auch ein einfacher Hosenschnitt manchmal zu zig Umwegen führt.

Julia Friedrichs stellt außerdem die These auf, dass Handarbeit zumindest teilweise als Trostpflaster fungiert.

Die Handarbeit – ein Pflaster für die Wunden, die die Arbeitswelt schlägt?

Soziologen beschäftigen sich mit dem Thema und ziehen unterschiedliche Schlüsse. Vom Rückzug ins Private ist die Rede, weil „die Jungen“ der Verantwortung der geschäftigen Welt entfliehen wollen. Oder weil der Rückzug in die eigenen Wände und die Arbeit an sich selbst die Welt Stück für Stück besser macht/machen kann/soll. Ersteres gilt als einer der Gründe, warum „meine Generation“ so unpolitisch sei: Man wolle keine Verantwortung für Gemeinwohl und Gemeinschaftsaufgaben übernehmen, folgern Soziologen wie Klaus Hurrelmann. Der Fokus liege auf der eigenen Familie, auf Freunden und dem eigenen Heim.

Letzteres kann ich soweit bestätigen: Was ich selbst herstellen kann, muss nicht industriell produziert werden, vernichtet keine Ressourcen (im Industriemaßstab), wird nicht unter menschenunwürdigen Bedingungen in 3. Welt Ländern produziert usw. usf. Soweit so gut. Außerdem bin ich Fan von regionalen Erzeugnissen – nicht, weil ich Deutschland so toll finde, sondern weil es zahlreiche Studien zu dem Thema gibt: Wer sich regional/saisonal ernährt, lebt letzendlich gesünder. Und leidet seltener unter Allergien und Nahrungsmittelunverträglichkeiten. Rein aus dieser Argumentation heraus zieht es mich also „ins Heim“, wenn ich das mal so salopp formulieren darf.

Da gibt es aber noch dieses „Kulturtechniken bewahren“. Das empfinde ich – für jemanden, der seine Kinder früh und ausgiebig außerhäusig betreuen lässt – als einen spannenden Gedanken. Ich bin kein „Mitspieler“ für meine Kinder, d.h. ich nehme in der Regel die Rolle des Statisten ein. Oder lese vor, bereite vor. Wenn das alles nicht gefordert ist, dann kann ich trotzdem nicht still sitzen – ich will selbst tätig werden. Brot backen, Kuchen zusammenrühren, Kräuter sammeln & trocken sind Tätigkeiten, die meine Kinder gut beobachten, begleiten und selbst mitausüben können. Es sind Kulturtechniken, die sich über Jahrtausende in unseren Breiten herausgebildet haben. Und es ist wiederum Teil des intuitiven Lernens, das Spielforscher derzeit so hoch loben: Eltern machen vor. Kinder begleiten (wenn sie wollen, Interesse daran haben).

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Mein eigentlicher Beruf ist für Kinder vergleichsweise unspektakulär: Am PC/Laptop/Telefon sitzen. Tippen, schreiben, in die Luft starren und nach der passenden Formulierung kramen. Weitertippen. Mit Kunden telefonieren, Entwürfe aufs Papier bannen, zerknüllen, weitermachen. Nichts davon ist für Kleinkinder/Schulstarter (wertvoller) verwertbarer Input, es kann für Kinder kaum reproduziert werden – außer, ich überlasse ihnen Laptop und Telefon (was ich nicht tue!).

Häuslichkeit kann also durchaus auch Auslgeich zur außerhäusigen Erwerbsarbeit der Eltern sein. Eine Möglichkeit, den eigenen Kindern (wertvolles) Wissen zu vermitteln, dass unmittelbar angewandt werden kann. Wer näht und strickt, hat ziemlich schnell die Kinder dabei, die mitmachen möchten. Oder über den Stoff, die Farben und extra Taschen verhandeln. Bei uns sieht es eher so aus, dass die Tochter präzise Anforderungen stellt, welche Kräuter in den Tee sollen. Oder der Sohn selber das Brot knetet.

Es ist auch für mich der Ausgleich – dass ich Projekte sofort anfangen und beenden kann mit unmittelbarem Ergebnis.

Kein schlechtes Gewissen, bitte

Eine Zeitlang kreiste in meinem Kopf der Gedanke, ich „müsse doch auch endlich mal nähen/strickeln/basteln“ lernen. Scheinen ja alle zu machen, müsste ich auch. Scheint dazu zu gehören in dieser Gruppe der Eltern, die sehr bedürfnisorientiert leben und arbeiten.

Nein, ich muss gar nichts. Ich kann, wenn ich Lust drauf habe. Lust habe ich aber nur auf Garten, Backen und Kochen. Von daher: who cares? Das reicht absolut aus. Die eine Oma strickt (ab und an), die andere macht auch viel im Garten und hat Nutztiere auf dem Grundstück. Genügt das? Ich denke ja. Meine Kinder lernen parallel noch etwas nützliches beziehungsweise ich schaffe auch noch eine gesunde Mahlzeit? Na prima, ist doch nettes Beiwerk.

Und wenn ich nichts weiter daheim täte als mit den Kindern zu spielen am Wochenende und nach der Arbeit – auch das wäre genug. Wer sich dem Trend der Häuslichkeit anschließt, kann das durchaus auch einfach nur für sich selbst tun. Weil die Welt dann etwas besser wird, weil es greifbare Ergebnisse produziert, weil es das Leben schöner macht, den Kopf beruhigt oder oder oder. Es ist kein Grund, sich einem weiteren Wettbewerb mit anderen Eltern zu stellen, wer die schöne Hose, das hübsch dekorierte Pausenbrot, die handgeschnitzte Laterne, das besondere Kostüm, das handgeschöpfte Papier für das Vokabelheft hat.

1 Kommentare

  1. Liebe Sabrina,
    Da kann ich dir nur recht geben. Man sollte sich weder genötigt fühlen, anderen nachzueifern, wenn einem basteln nun gar keinen Spaß macht. Noch sollte man sich dafür schämen, dass man zum Ausgleich gerne kocht und strickt. Bei mir zählt das in die Kategorie“familienalltagstaugliche Hobbys“ 😉
    Liebe Grüße,
    Marlene

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