Holger Kuntze: Lieben heißt wollen

Von einem Buch, dass schon vor dem ersten gelesenen Wort für Diskussionen sorgte. Und von der Idee, sich der Liebe mal über das Thema Wunsch vs. Bedürfnis anzunähern. So eine Rezension wird das hier.

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Das Buch kam als Rezensionsexemplar ins Haus und lag – frisch ausgepackt – erst mal wie alle Bücher im Wohnzimmer herum. Ich zeigte es dem Gatten und freute mich, dass ich da wohl endlich ein Buch gefunden hätte, das mich in meiner Annahme bestärkte, starke Partnerschaften bestünden vor allem aus einer Entscheidung zur Liebe.

„Aber wie kannst du das Gefühl, wie kannst du die Liebe bloß auf eine Entscheidung reduzieren? Das fühlt sich falsch an!!

Der Gatte, in einem gut 2stündigen Streitgespräch direkt nach Ankunft des Buches

Das sprach der Gatte und das scheint, wenn ich mich in verschiedenen Mütter- und Elterngruppen so umtue, auch oft die einhellige Einstellung dazu zu sein. Dabei wird aber oft Liebe mit Verliebtheit verwechselt. Und letzteres ist emotionaler Dauersturm und hormonelles Chaos im Kopf, ganz ohne Zweifel.

Ersteres aber, das ist der Wille, gemeinsam an der Beziehung zu wachsen, ihr Zeit und Energie zu widmen. Sich auf die Partnerin oder den Partner einzulassen, die eigenen Wünsche und Bedürfnisse (auch) darauf auszurichten, was sie oder er gerade braucht, wünscht, möchte, fordert.

Und genau das findet sich auch in Kuntzes „Lieben heißt wollen“. Es ist ein analytisches Buch, ein „Sachbuch“, aber in offener Sprache, relativ locker formuliert.

Klappentext

Klare Struktur

Das Buch ist klar strukturiert und gut nachvollziehbar. Am Beginn stehen erst einmal drei kurze Kapitel, in denen es darum geht, welche Arten von Beziehungen man auf gar keinen Fall weiter führen sollte. Narzissten zählen hier dazu – und Kuntze ist da ganz klar: Weglaufen! Mit diesen Menschentypen sind Beziehungen unmöglich.

Mit diesem Beziehungstypen-Ausschluss ist eine Basis geschaffen, auf der man sich konstruktiv mit seiner Beziehung (die hoffentlich nicht mit einem Narzissten besteht!) auseinander setzen kann.

Drei Aggregatzustände von Beziehung

Der Autor unterscheidet klar zwischen drei Beziehungszuständen, die alle zu einer Beziehung gehören, aber eben auch alle drei wichtig sind:

  • Leidenschaft (die Hingabe und das Glück des Augenblicks)
  • Gemeinschaft (das gemeinsame Angehen des Alltags)
  • Freundschaft (das Eingehen auf die Bedürfnisse des Partners)

Und gerade beim letzten Zustand hakt es in vielen Beziehungen. Denn es geht nicht um eine „wir können zusammen Pferde stehlen“-Freundschaft. Vielmehr lautet der Leitgedanke:

Ich möchte und werde dich anhaltend und verlässlich darin unterstützen, der zu sein, der du gern sein oder werden möchtest.

Seite 88

Und das ist nicht immer einfach.

Differenz = Normalität

Ein weiterer wichtiger Aspekt des Buches handelt davon, dass es normal ist, in einer Beziehung verschieden zu sein. Und dass das auch gar nicht schlimm ist, solange wir diese Verschiedenheit nicht als Bedrohung, sondern als Chance wahrnehmen.

Es geht darum, die Differenz zu akzeptieren und eine Haltung dazu zu finden. Das kann heißen, dass man auf den Anderen zugeht und ihm einen Wunsch bzw. ein Bedürfnis erfüllt. Es kann aber auch heißen, dass man dem Anderen mitteilt, dass man seinen Wunsch bzw. sein Bedürfnis zwar wahrnimmt und wertschätzt, aber nicht dazu bereit ist, es zu erfüllen.

Kommunikation und Werte

Natürlich kommt kein Ratgeber für Paare ohne Kommunikationstipps aus. In diesem Buch findet man aber nicht die üblichen Verdächtigen (Ich-Botschaften, 4-Ohren-Modell, etc.) wieder, sondern sieben wertorientierte Tipps:

  • Kommunikation ist immer subjektiv
  • sie dient der gegenseitigen Information
  • sie sollte wahrhaftig sein
  • Wünsche und Bedürfnisse kommunizieren
  • von Gegenwart und Zukunft handeln
  • Raum geben und
  • zuhörend und empfangend sein.

Fazit

Ein positives, lösungsorientiertes und zugleich Freiheit gebendes Buch. Gerade auch für schon lange bestehende Beziehungen finden sich hier noch gute und neue Anregungen. Eine absolute Leseempfehlung. Ein einziger Kritikpunkt besteht für mich an den teils endlosen Sätzen, die ein Synonym ans andere reihen.

Eine ergänzende Anmerkung noch: Das Buch ist heteronormativ verfasst, Kuntze äußert sich aber eingangs dazu, und wie ich finde, sympathisch und verständlich in seiner Erklärung.

Übrigens entstanden aus der 2stündigen Diskussion zum Buch vor dem Lesen ausgehend später weitere Gespräche. Über einzelne Abschnitte. Über Unterschiede, die wir zwischen uns unterschiedlich (jaha!) wahrnehmen. Und was das mit uns macht, wenn ich A und er B will, wir aber nur C zustande kriegen.

Und mich traf irgendwann eine Erkenntnis, während ich (schon wieder!) Socken wegräumte und leise vor mich hingrummelte: Einem Freund, einem guten Freund würde ich das natürlich „durchgehen“ lassen. Ich würde grummeln und motzen, aber meine Freundschaft nicht daran scheitern lassen, dass mein Herzensmensch nun mal immer seine Klamotten rumliegen lässt.

Und wenn ich das für einen Freund kann – dann auch für meinen Partner. Gerade für ihn! Also eigentlich ganz einfach, ne…

Sabrina
Hy, hier schreibt Sabrina. Freiberuflich als Copywriterin anzutreffen, mit Mann & zwei Kindern in enger Gemeinschaft. Feministisch, bindungsorientiert & zutiefst sarkastisch. Bekennende #coffeeholic

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