featured, Rezensionen & Lektüre
Schreibe einen Kommentar

Yvonne Widler: Sie sagt er sagt. Gespräche über die Liebe

Ein Buch über die Liebe. Wie Menschen sie von außen betrachten, von innen her erleben. Diverse ExpertInnen wechseln sich dabei ab, während auch immer wieder Paare (in verschiedenen Konstellationen) zu Wort kommen. Alte, junge, hetero- und homosexuelle, frisch Verliebte und lang zusammenlebende.

[Dieser Beitrag enthält Affiliate-Links – klickt doch bitte ab und an mal drauf, damit wir einen Kaffee trinken gehen können, ja? Danke!]

Im Vorwort spricht die Autorin noch davon, das Wort „Experten“ nicht sonderlich zu mögen. Mit einer recht guten Erläuterung, warum:

Jeder Mensch, der bereits Beziehungen hat oder dies aktuell tut, ist doch auf eine gewisse Art ein Experte für die Liebe (…).

Yvonne Widler – Sie sagt er sagt

Und noch etwas erklärt sie uns: Nämlich, wie es sich ergab, dass sie ein Buch über die Liebe schrieb. Und warum es darin – neben den üblichen Verdächtigen wie Coaches und Therapeuten – eben vor allem um Liebende geht, die selbst und mit eigenen Worten berichten, was Beziehungen für sie ausmacht. Wer normalerweise das Vorwort überspringt: In diesem Buch ist es wirklich sinnig, einen Blick hineinzuwerfen.

Buchstruktur und Expertenauswahl

Die Autorin führt uns in diesem Buch über die Liebe durch verschiedene Situationen – Interviews mit Expertinnen und Experten, mit Beziehungscoaches, Therapeutinnen und Verhaltensbiologinnen.

Kleine launische Kommentare kommentieren die Interviews mit besagten Experten, das lockert das inhaltlich noch etwas auf. Im Einzelnen sind die Teilnehmenden der Expertenrunde übrigens:

  • Beziehungscoach Dominik Borde
  • Scheidungsanwalt Ernst Brunner
  • Paartherapeutin Elisabeth Lindner
  • Psychologin Caroline Erb
  • Evolutionsbiologin Elisabeth Oberzaucher

Für mich hätte es diese Expertenrunden im Buch nicht unbedingt gebraucht. Vieles war und ist mir schon bekannt. Wer sich häufiger mit Paarbeziehung und Partnerschaftskommunikation beschäftigt, liest auch einfach nicht viel neues.

Weil es aber ohne etwas mehr Fachwissen auch nicht geht, habe ich ein paar Zitate herausgepickt, die mir besonders aufgefallen sind. Bordes Aussage etwa ist nicht neu, aber trotzdem wichtig:

Beziehungsarbeit klingt nicht sehr sexy. Aber überlege mal. Für alles, was dir im Leben wichtig ist, tust du viel. Job, Gesundheit, Wohnen. Aber bei Paarbeziehungen glauben wir oft, die laufen einfach mit und funktionieren. Ich habe sehr erfolgreiche Unternehmer als Klienten, die ich immer frage, wie viele Stunden sie am Tag mit ihrem Business verbringen und wie viel Zeit sie wirklich intensiv und fokussiert in ihrer Beziehung verbringen.“ Die Antworten seien oft erschreckend.

Widler, Beziehungscoach Borde, S. 28

Brummer spricht im großen und ganzen davon, wie Paare sich im guten trennen, wenns mit der Liebe vorbei ist:

„Eine Ehe sei zudem ein Eingeständnis, nicht vor Problemen davonzulaufen. „Alles, was ich in der jetzigen Beziehung, die ich beenden möchte, nicht geklärt habe, das wird sich in der nächsten Beziehung 1:1 wieder abspielen.“

Widler, Scheidungsanwalt Brunner, S. 39

Bei Lindner dagegen hatte ich einen kurzen, aber herzhaften WTF-Moment:

„Wenn ein Mensch Liebe will, will er diese Liebe natürlich auch exklusiv. Er will sie auf einen Menschen richten und mit einem Menschen leben. Alleine der Begriff Liebe schließt für mich schon aus, dass man polyamourös leben kann. Ich glaube, dass das den Menschen nicht entspricht. Ich denke, dass das bei vielen eine Schutzbehauptung ist.“

Widler, Therapeutin Lindner, S.98

Auch das Interview mit der „Parship“-Psychologin Erb hat nicht sonderlich viel Substanz. Leider. In Interviews mit ihr in der Fachpresse kommen dank der intensiven Studienarbeit zu Dating und Beziehungsverhalten nämlich durchaus spannende Inhalte zustande..

„Das Grausame der Welt führt dazu, dass die Menschen ein sicheres Gefühl suchen. Das bekommen sie durch schöne Beziehungen.“

Widler, Psychologin Erb, S. 152

Zum Schluss kommt noch die Verhaltensbiologin Oberzaucher zu Wort. Ich muss ehrlich sagen: Ein kleiner Lichtblick.

„Eigentlich geht es doch um die Beziehungsqualität. Die Treue wird als Indikator für diese herangezogen. Ob dieser Indikator ein gültiger und wirklich verlässlicher ist, hängt sehr stark von der individuellen Beziehung ab. Es gibt Beziehungen, die sehr gut funktionieren, obwohl es keine Exklusivität gibt, aber trotzdem ist das Commitment sehr groß. Andere Beziehungen funktionieren nicht, owbohl es die totale Treue gibt.“

Widler, Verhaltensbiologin Oberzaucher. S. 198

Gespräche unter Liebenden

Viel schöner, ergreifender und erleuchtender sind die Stimmen der (östereichischen) Menschen, die Widler vor ihr Tonbandgerät (ja, ernsthaft! Steht so im Text) geholt hat. Die lassen uns ein in ihre Beziehungen, erzählen von ersten Küssen, von Trennungen, Trauer und der Angst, die oder den Liebsten zu verlieren.

Ein bisschen kitschig ist das, aber auch schön.

Fazit

Wer tendenziell voyeuristische Züge hat, wird die Abschnitte der Paare/Liebenden richtig mögen. Es fühlt sich so ein bisschen an, als säße man beim Interview daneben, etwas unbeteiligt, und lausche dem Gespräch ganz heimlich. Für einen regnerischen Nachmittag lang ist es eine interessante Lektüre, die einen ab und an auch zum Nachdenken bringt. So wie mich, an dieser Stelle hier:

„Haben Sie oft gestritten im Alltag?“

„Nein. Wozu? Was bringt das?“ schaut mich Maria fragend an.

Widler, Herbert und Maria, S. 124

Ein klassischer Beziehungsratgeber ist „Sie sagt er sagt“ eben nicht. Es ist viel mehr eine Aneinanderreihung an Ausschnitten, eine Tour durch verschiedene Lebens- und Liebeszyklen.

Die ausgewählten Experten sind mir – bei aller Liebe zu verkürzten Interview-Mitschriften – teils zu platt. Teils offen ausgrenzend, teils klischeebeladen. Der religiöse Einschlag ist spürbar, aber für mich als brandenburgische Protestantin durchaus zu verschmerzen. Die Seitenhiebe auf Menschen, die „Mingle und Polyamorie hypen“ hätten nicht sein müssen. Ehrlich nicht.

Und der kleine Korinthenkacker in meinem Herzen möchte noch drauf hinweisen, dass der im Nachwort zitierte Artikel der Krautreporter eine (wichtige!) Wiederholung des feministischen Comics „You should have asked“ war. Aber nicht ursprünglich bei und von den Krautreportern stammte.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.