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Dasein und da sein als arbeitender Vater

Christian hat sich bereit erklärt, unseren bisher rein weiblichen Blog mit seiner männlichen Sichtweise zu ergänzen. Zum Einstieg gibt es seine sehr persönliche Sichtweise, wie das eigentlich so ist, wenn man als Alleinverdiener und Familienversorger auch noch dasein – da sein will. # vereinbarkeitsgeschichten

Reflektieren der eigenen Perspektive als Herausforderung

Meine Arbeitskollegin Uta fragte mich, ob ich Lust hätte, einen Gastbeitrag für den Vereinbarkeitsblog zu schreiben. Es solle um die Perspektive eines jungen, arbeitenden Vaters gehen. „Klar, gerne!“ antwortete ich und fühlte mich ziemlich geschmeichelt. Nicht nur wegen des Adjektivs „jung“. Erst später wurde mir klar, dass diese Aufgabe mich auch vor eine ziemliche Herausforderung stellt. Ich sollte etwas aus der Perspektive eines jungen Vaters schreiben? Ausgerechnet ich! Wie bin ich eigentlich Vater geworden? Keine Sorge, biologisch ist mir das schon klar, es ging aber alles ganz schön schnell. Doch der Reihe nach.

Nestbau in Rekordzeit

Vor ungefähr 18 Monaten habe ich meine Frau kennengelernt. Ungefähr einen Monat später ihren Sohn. In den vergangenen zwölf Monaten kamen dann (in dieser Reihenfolge und mit nur wenig Abstand) Umzug, Hochzeit und Tochter. Das klingt als sei das alles etwas schnell gegangen? Gut, denn so fühlte es sich auch an. Bitte nicht falsch verstehen: ich bin glücklich – mit Wohnung, Frau, Stiefsohn (wobei ich das „Stief-“ gerne weglasse, weil es unserer guten Beziehung irgendwie nicht gerecht wird) und Tochter. Allerdings haben sich die Ereignisse doch sehr überschlagen. Intelligentere Menschen hätten sich wohl eine „Baustelle“ nach der anderen vorgenommen und nicht versucht, Rom an einem Tag zu erbauen.

Soviel also zu meiner privaten Situation. Die berufliche ist schnell erklärt: ich bin Lehrer an einem katholischen Gymnasium. Das sei hier nur kurz erwähnt. Ich komme später darauf zurück, wenn es um die Vereinbarkeit von Job und Familie geht.

Schwangerschaft und Vaterrolle

Ich hatte bereits erwähnt, dass meine Frau einen Sohn hat. Als wir uns kennengelernt haben, war er zwölf. Nun ist er vierzehn. Kein einfaches Alter. Aber er hat das Herz auf dem rechten Fleck und wir haben ein tolles Verhältnis. Einen „neuen“ Mann in seinem Leben und dem seiner Mutter zu dulden wird ihm nicht leichtgefallen sein. Und dann auch noch ein Lehrer! Aber wir haben uns von vornherein gut verstanden und viel zusammen unternommen. Warum ich das betone? Naja, irgendwie hat mich dieses Jahr zu dritt ein wenig auf das Einnehmen der Vaterrolle vorbereitet.

Und das war auch gut so. Von der Schwangerschaft meiner jetzigen Frau habe ich Anfang Januar erfahren. Die Ferien waren also gerade vorbei und wir befanden uns beruflich in der anstrengenden Phase Richtung Zielgerade des abgelaufenen Schuljahres. Hinzu kommt, dass die Schule ihr 50jähriges Bestehen mit vielen Veranstaltungen feierte und ich in viele laufende Projekte eingebunden war. Außerdem handelte es sich um meinen ersten Abiturjahrgang (Deutsch und Englisch mdl. und schriftl.). Kurzum: ich war meist sehr spät und leider auch sehr wenig zuhause. War ich dann doch da, war ich oft unter Klassenarbeiten und Klausuren begraben.

Ich war froh, dass unsere Tochter für meine Frau nicht das erste Kind war. So konnte ich es mir leichtmachen und mich mental darauf ausruhen, meine Frau werde schon wissen was sie tut. Ich war zwar wann immer ich es einrichten konnte mit beim Frauenarzt und ließ langweilige und ereignislose CTG-Sitzungen über mich ergehen, fühlte mich aber insgesamt außen vor – was mir zu diesem Zeitpunkt auch ganz gelegen kam.

Zugegeben, als Mann ist man bei einer Schwangerschaft immer außen vor, aber manche Männer sind ja schwangere als andere. Dann schließlich kam die Geburt. Spontane Entbindung. Alles lief zum Glück mehr oder weniger problemfrei ab. Mutter und Kind wohlauf. Der stolze Vater durfte die Nabelschnur durchschneiden. Aber zurück zu meiner Ausgangsfrage: Wie bin ich eigentlich Vater geworden? Mittlerweile bezweifle ich, dass ich mich zum Zeitpunkt der Geburt schon als Vater gefühlt habe. Natürlich war ich stolz und glücklich und überwältigt. Aber ich musste dieses Wesen erst einmal kennenlernen. Das Einnehmen der Vaterrolle ist ein Prozess. Und ich bin mir nicht sicher ob dieser Prozess bei mir bereits (unsere Tochter ist jetzt etwa sechs Wochen alt) abgeschlossen ist. Letztlich spielt es keine Rolle, ob man das Einnehmen der Vaterrolle und das Vatersein gedanklich voneinander trennt oder zusammen denkt. Entscheidend ist doch das eigene Verhalten gegenüber dem Kind. Und ich liebe es, Zeit mit der Kleinen zu verbringen.

Willkommen in Absurdistan

Nach der Geburt: Geburtsurkunde beantragen, Patientin anmelden, Gebühren zahlen. Wieder zuhause: Kinder- und Elterngeld beantragen, Krankenversicherung (natürlich längst vorbereitet) abschließen, etc. pp. Kaum geboren, schon verwaltet. So ist es eben. Viel interessanter sind seit einigen Monaten die Blicke auf meine monatliche Gehaltsabrechnung. Nach der Hochzeit fanden sich darauf „0,5 Kinder“. Nach einigem Grübeln wurde mir klar was sich dahinter verbarg: mir wurde der halbe Steuerfreibetrag für meinen (Stief-)Sohn zugestanden. Die andere Hälfte erhielt der leibliche Vater. Seit September sind daraus nun 1,5 Kinder geworden. Paradoxerweise ist die Kleine ganz, der Große hingegen halbiert. Ich bin verwaltungstechnisch betrachtet also 1,5-facher Vater. Und so fühle ich mich auch manchmal irgendwie.

Hilfe, ich bin ein Spießer (endgültig)

Ich weiß, als verbeamteter Lehrer gilt man nicht unbedingt als Rebell. Trotzdem habe ich mich immer gern selbst so gesehen. Als unangepassten Querdenker. Zweifellos eine Romantisierung der eigenen Biografie. Aber auch meine Frau ist – im positiven Sinn – anders als die meisten. Und so würde ich auch unsere Beziehung beschreiben. Treffenderweise haben wir uns auf einem Metalkonzert kennengelernt.

Nun ist es aber so, dass meine Frau im Moment Vollzeit-Mutter ist, während ich an der Schule für uns alle vier die Brötchen verdiene. Wir leben also ein Familienmodell, das nach einem feuchten Traum von Horst Seehofer klingt. Hilfe! Wie konnte es so weit kommen?

Eigentlich schnell erklärt. Meine Frau war zum Zeitpunkt der Schwangerschaft in einer Umschulung, die sich leicht für einen bestimmten Zeitraum aussetzen ließ. Ich hingegen war fest im Job und nicht kurzfristig abkömmlich. Davon abgesehen bin ich Alleinverdiener und wir sind schlicht und ergreifend auf das Geld angewiesen. Dass wir nun einem Ernährer- und Hausfrau/Muttermodell entsprechen, das wir prinzipiell beide als überkommen ablehnen würden, hat sich einfach so ergeben und ist den Gegebenheiten geschuldet. Soviel zu unserer Verteidigung!

Vereinbarkeit und Vollzeitjob

Lassen Sie mich eins voranstellen: im Prinzip haben wir ein Luxusproblem. Meine Frau ist nicht alleinerziehend und finanziell sind wir abgesichert. Die Betreuung unserer Tochter ist sichergestellt. Das einzige was häufig fehlt ist Zeit. Lehrer ist kein Beruf mit festen Arbeitszeiten. Das Schulleben hat seine eigene Dynamik. Meine Schule ist eine sogenannte Tagesheimschule. Die Schülerinnen und Schüler sind regulär bis 16:15 an der Schule, die Kolleginnen und Kollegen häufig noch länger. Dabei lebt eine Schule wie die unsere von der Bereitschaft jedes Einzelnen, mehr zu leisten, als sein müsste und als vergütet wird. Ich stehe am Anfang meines Berufslebens, bin noch in der Probezeit – natürlich fällt es da mitunter schwer, nein zu sagen. Vor wenigen Wochen habe ich einen neuen Negativrekord aufgestellt: 16,5 Stunden geschäftige Präsenzzeit an der Schule an einem einzigen Tag. Zwei Arbeitstage in einem.

Die Konsequenz ist klar. Ich muss, meiner jungen Familie zuliebe, das freiwillige Engagement an der Schule sukzessive zurückfahren und lernen, „Nein!“ zu sagen. Bisher zeigen die Kollegen Verständnis. Einem jungen Vater wird etwas mehr Freizeit gern zugestanden. Jetzt muss ich nur noch selbst das Abschalten lernen. Ich muss mir immer wieder sagen, dass der Laden auch ohne mich läuft. Bisher klappt das ganz gut. Denke ich zumindest. Meine Frau sieht das vielleicht anders.

Darüber hinaus versuche ich, so viel Arbeit wie möglich vor Unterrichtsbeginn und in Freistunden an der Schule zu erledigen und so wenig wie möglich mit nach Hause zu nehmen. Eine klare Trennung von Berufs- und Privatleben ist mir wichtig und erhöht die Qualität der Zeit mit der Familie immens. Jedoch klappt das nicht immer. Müssen beispielsweise Klassenarbeiten oder Klausuren korrigiert werden, versuche ich dies im Beisein meiner Familie am Esstisch zu erledigen, statt mich im Schlafzimmer am Schreibtisch zu verbarrikadieren. Die drei sollen zumindest das Gefühl haben, dass ich körperlich in der Nähe bin.

Schlafmangel ist ein Thema. Zwar ist unsere Tochter meistens ruhig und ausgeglichen, jedoch äußert sie natürlich prompt ihre Bedürfnisse. Und sie will natürlich auch nachts gestillt werden. Ich muss ehrlich zugeben, dass ich wahrscheinlich ungefähr bei jedem dritten Stillen wach werde und den Rest verschlafe. Meine Frau hat viel mehr zu ertragen als ich. Ich merke zunehmend, was für ein Fulltime-Job so ein kleiner Mensch ist. Andererseits sage ich mir dann, dass ich schließlich meinen Schlaf brauche, um den täglichen Anforderungen des Berufslebens gewachsen zu sein. Und so torkle ich manchmal mit knapp drei Stunden Schlaf durch die Schule und versuche, Souveränität zu zeigen und meine Müdigkeit zu überspielen.

Es ist schwer, ein Fazit zu ziehen. Alles in allem würde ich sagen, ich bekomme schon einiges von der Entwicklung meiner Tochter mit. Ich würde gern mehr Zeit mit ihr verbringen, aber das geht nun mal nicht. Es gelingt mir zumindest, die Zeit, die ich auf der Arbeit verbringe, allmählich zu reduzieren. Alles andere ist eine Frage der Organisation. Und da wächst man mit seinen Aufgaben, denke ich. Und ich rede mir ein, dass es darauf ankommt, was ich tue, wenn ich zuhause bin. Ich versuche eine Beziehung zu diesem Kind aufzubauen. Ich versuche es zu verstehen. Aus ihrer Gestik und Mimik, auch aus ihrem Schreien auf ihre Bedürfnisse zu schließen. Auch das ist mitunter mühsam. Aber auch auf eine Art und Weise befriedigend, mit der die Schule nicht konkurrieren kann.

Verkürzt könnte man sagen, dass ich bei der Arbeit versuche, mir meine Erschöpfung von zuhause nicht anmerken zu lassen und zuhause versuche, die Strapazen des Schultages zu vergessen, meine Frau zu unterstützen (wichtig) und meiner Tochter Liebe und Nähe zu bieten, nicht Erschöpfung und Ignoranz. Das kann nur dann gelingen, wenn man nicht das Negative sieht, sondern das Positive. Ich versuche einerseits, das Familienleben in den Mittelpunkt meines Lebens zu stellen, wo es hingehört, und andererseits Arbeit und Familie als Ausgleich voneinander zu begreifen und dafür dankbar zu sein. Meiner Frau fehlt dieser Ausgleich. Sie kommt nicht so oft raus wie ich, hat weniger Ablenkung und doch mindestens genauso viel Arbeit mit dem Kind bzw. den Kindern. Sie hat einen Ehemann verdient, dem es gelingt, über die materielle Absicherung der Familie hinaus für sie und die Kinder da zu sein.

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