Overtouched and underbrained

Ich habe seit März so viele Webinare, Online-Fortbildungen und Online-Konferenzen besucht wie sonst in zwei Jahren. Oder drei. Zig Fortbildungspunkte habe ich im Ehrenamt erworben. Und im Zweitjob. Habe diesen Blog hier und den Shop eines anderen Projekts ge-re-launched. Alles, um mich von meinen Sorgen und fehlende Aufträgen abzulenken.

Ich hatte soviel Körperkontakt wie zuletzt in der Baby- und Kleinkindzeit der Kinder. Zusammengestaucht auf knappe 3 Monate. Bisher. Und träume mittlerweile sogar davon, dass mich wildfremde Menschen umarmen.

Und beides zusammen – overtouched und underbrained zu sein – ist ein Problem. Jedenfalls für mich.

Kleiner Exkurs: Overtouched

Stillende beschreiben es vor allem, aber generell triffts auf alle Menschen zu, die richtig, richtig viel Körperkontakt haben – Menschen mit Babys und Kleinkindern erleben das oft als spontane Abneigung, berührt zu werden. Kopf und Körper scheinen „drüber“ zu sein.

Freundliche Berührungen lösen überraschenden Ekel aus, gefolgt vom dringenden Wunsch, einfach nur mal „in Ruhe gelassen“ zu werden. Was meistens nur meint: Fass mich nicht an.

Und das ist im ersten Moment ziemlich erschreckend, für den overtouched-Menschen genauso wie für alle, die eigentlich nur Nähe suchten. Die Abneigung gegen Berührung ist nichts, ich wiederhole: NICHTS persönliches.

Und sie geht wieder weg, wenn die körperlichen Grenzen nicht mehr permanent überschritten werden, wenn das Gefühl für körperliche/geistige Autonomie wieder präsenter ist.

Und weil wir grad Pandemie und Krise haben und es halt einfach nötig ist, lasse ich das zu. Das eine Kind schläft oft schlecht, das andere singt und kuschelt und rumpelt über alle Grenzen hinweg. Sie brauchen das – soviel ist klar. Die Nähe, die Umarmungen, das an- und auf-Mama-liegen, obwohl sie doch schon „so groß“ sind.

Underbrained (Soloselbstständigenversion)

Denn noch eines ist seit März präsent: Ich arbeite nur mit 20prozentiger Auslastung. Vielleicht. Kurze Phasen mit Hochs wechseln sich ab mit vielen, langen Tiefs. Covid_19 machts möglich.

Und weil ich „nichts tun“ so wenig kann wie die meisten anderen Frauen* meiner Generation, habe ich Webinare gebucht. Und jedes aus dem Boden gestampfte Online-Event genutzt, um meinen Kopf zu füttern.

Das alles mit Kopfhörern auf der Couch und mindestens einem Kind an-neben-auf mir, weil sie Nähe suchen/brauchen.

Und Materialien für die Schule gebastelt, mit dem einen Kind lange Vokaaaaaale geübt und dem anderen die Voraussetzungen für gute Online-Meetings erläutert. Mir von Uta Tipps zur Nutzung von MS Teams geholt, um Corona und Schule gut zu begleiten. Um die schwierige Zeit besser aufzufangen, um die Kinder von fehlenden Sozialkontakten und der unterschwelligen Angst um Freund:innen und Großeltern abzulenken.

Mein Kopf braucht dringend Futter und der Körper noch dringender Erholung.

Und beides zusammen war in all der Zeit bis jetzt nicht drin. Ich weiß es eigentlich besser, schon durch Kathrins „Hochsensibel Mama sein“, dass ich ja vor gar nicht so langer Zeit gelesen hatte.

Um aus der Spirale herauszukommen, habe ich gebacken. Und gekocht. Und geputzt. Der große Vorteil: Der Kopf schaltet irgendwann ab. Die ständig präsenten Sorgen verschwinden. Ein bisschen. Und spätestens beim Putzen sind dann auch die Kinder verschwunden. Wer will schon mit Mama kuscheln, wenn sie nach Essig und Zitronen riecht? Eben.

Hats geholfen?

Natürlich nicht. Der Boreout, den ich noch zu gut aus der Säuglingszeit beider Kinder in Erinnerung hatte, holt mich sofort wieder ein. Gleichzeitig fehlt mir die Ruhe, fehlt mir die nötige Abgeschiedenheit, um effektiv zu arbeiten.

Neulich stand exakt – ja, ich habe die Zeit gestoppt! – alle 20min jemensch aus meiner Familie in meinem Arbeitszimmer. Weil „schon große“ Kinder halt doch Kinder sind, die Fragen haben. Und Hilfe brauchen. Und sich langweilen. Oder vergessen haben, dass Mama grad arbeitet. Weil Homeoffice nur bedingt zur Kinderbetreuung taugt!

Weißt du, wie lange es dauert, bis mensch sich wieder in ein Thema versenken kann, bis mensch zurück im Flow ist? Rate!

Es sind ungefähr 20 Minuten. So lange dauert es, bis Hirn und Herz zurück bei der eigentlichen Aufgabe sind. Und so schließt sich der Kreis, denn verantwortungsvolle Aufgaben ohne ausreichende Kinderbeschäftigung anzunehmen, das wäre eher nicht so klug. Wenn es denn welche gäbe, also bezahlte, herausfordernde Aufträge. Und so hangele ich mich mit guten, aber nicht so-sehr-herausfordernden Aufträgen durch die Tage.

Diesen Text konnte ich übrigens in einem Rutsch fertigschreiben.

Weil der Gatte Urlaub hat und die Kinder Ferien:

  1. Ohne #pandemieschooling ist das beinahe entspannt.
  2. Mit einer anderen anwesenden erwachsenen Person im Haushalt auch.

Blöd, dass sein Urlaub pünktlich mit den Pfingstferien endet. Weil wir letztes Jahr für die verbindliche Urlaubsplanung keine Glaskugel gebucht hatten – und Urlaub switchen nicht in jeder Branche klappt.

Also startet nächste Woche wieder der Kreislauf aus fehlender Betreuung, zu wenig Input, zu viel Nähe. Kennst du das auch? Wie gehst du damit um?

Sabrina
Hy, hier schreibt Sabrina. Freiberuflich als Copywriterin anzutreffen, mit Mann & zwei Kindern in enger Gemeinschaft. Feministisch, bindungsorientiert & zutiefst sarkastisch. Bekennende #coffeeholic

3 Gedanken zu „Overtouched and underbrained“

  1. Tja, ähnlich wie Du vermutlich. Zähne zusammenbeißen, den Kindern nach Möglichkeit das geben, was sie brauchen, „zumindest“ Fortbildungen machen, wenn sonst schon nichts geht und darauf hoffen, daß das ganze nicht nach den Sommerferien von vorne losgeht.

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