Who cares? Eine App-Rezension

Es gibt da diese App. Sie trackt auf Wunsch die üblichen Carearbeits-Etappen. Und ebenso auf Wunsch spuckt sie Statistiken aus. An welchem Wochentag welche Art der Carearbeit überwog. Wie viele Stunden pro Woche für Wäsche, Kochen und Putzen draufgehen. Oder fürs reparieren. Ich hab sie mal getestet. Weil #equalcareday ist und der #caregap existiert.

App „WhoCares“ im Appstore finden & installieren: fertig. Kein Konto, kein Passwort, keine Zahlungsdaten nötig. Schonmal gut, ne?

Die Who Cares-App: Funktionen

Der Aufbau ist simpel:

Die Startseite zeigt in Kacheln die typischerweise anfallenden Tätigkeiten an. Draufklicken – und der Timer läuft. Tätigkeiten können pausiert und gestoppt werden. Löschen geht allerdings nicht.

Im zweiten Schritt wird Zeit in Gehalt umgewandelt. Zur Auswahl steht der aktuelle Mindestlohn, der durchschnittliche Stundenlohn und ein frei eintragbares, eigenes Gehalt.

Alle drei Posten werden auf Basis der getrackten Zeiten für die letzten 24h, die letzte Woche, den letzten Monat und das letzte Jahr berechnet.

Wenn frau (oder mann) das eine Weile lang trackt, kommen da ganz hübsche Summen zusammen.

Btw. Gehaltsrechnung: Das kannst du bei Johanna von Alltagsfeminismus.de auch nochmal genauer ausrechnen (lassen). Ihren „Who cares? Rechner“ solltest auch unbedingt mal ausprobieren!

Der dritte Punkt: die Statistik. Hier zeigt sich, wofür die Elterntage so draufgehen. Kochen, putzen, waschen, einkaufen, reparieren, Emo-Arbeit oder Mentalload werden farblich aufgeschlüsselt.

Die aktuelle Woche läuft dabei jeweils durch, d.h. der aktuelle Wochentag ist immer ganz rechts – so hast du 7 Tage am Stück vor dir.

In der Auswertung pro Aktivität kannst du nach letzte Woche, letzten Monat und letztes Jahr separieren.

Ein letzter Punkt im App-Menü ist noch offen: Unter Infos werden die einzelnen Punkte näher erläutert – und warum sie grundsätzlich gesellschaftlich relevant sind. Also für alle.

Was fehlt?

Viel Zeit meines täglichen „Kochen-Putzen-Wäsche“-Triathlons müsste eigentlich „Aufräumen“ heißen. Oder „Hinterherräumen“. Dafür bräuchte ich eine extra Kachel zur Auswahl.

Und, als krasses Kontrastprogramm zu den übrigen Zahlen: eine Kachel für „Selfcare“.

Cool, aber technisch anspruchsvoller wäre die Option, meinen Kalender, die elektronische Einkaufsliste etc. zu verknüpfen. Geht die eine App auf, trackt die andere automatisch diese Zeiten als „Management“ mit. Die 30 Sekunden, die „App auf, Toast auf die Liste schreiben, App zu“ ausmachen, hab ich fast immer verpasst zu tracken.

Zahlen auswerten – was bringts?

In der ersten Woche habe ich mich über die Masse an Putzzeit geärgert. Echt jetzt, jeden Tag putze ich? Permanent? Und nichts davon schlägt sich sichtbar nieder (weil: wir leben hier ja weiterhin, ne). Ich schaffs ja nichtmal, regelmäßig Staub zu wischen. Frustrierend!

In der zweiten Woche kam ich ins Grübeln. Die täglichen Kinderzeiten – sind die zu niedrig? Oder altersangemessen? Immerhin sind sie keine Kleinkinder mehr, ziemlich selbstständig und brauchen mich ja gar nicht permanent. Wie Alu von Großeköpfe das neulich so schön schrieb, wohnt das eine Kind quasi wie in ner WG mit uns. Das kleinere Kind braucht mich vor allem beim Pandemieschooling, sonst ist er froh, wenn der Fernseher allein ihm gehört (und ich am Schreibtisch arbeite).

Andererseits: Müsste ich an den Tagen, an denen der Gatte 24h-Dienste fährt – nicht den kompletten 24h-Zeitraum tracken? Ich bin an diesen Tagen schließlich IMMER abrufbereit. Selbst dann, wenn ich am Schreibtisch sitze, und das eine Kind Fragen zum Pandemieschooling hat, während das andere Kind Kuchen bäckt. Tracke ich also zu wenig? Oder zu viel? Und reicht „da sein“ schon aus? Muss ich irgendwas „machen“ in der Zeit?

In der dritten Woche fragte ich mich, wann genau das „Management“ passiert. Klar, 30min „Wochenessensplan besprechen“ hab ich drin. Aber sonst? Ich denk doch ständig auf allem Möglichen rum? Und merke: Das ist echt sauschwer zu tracken. Weil es mir permanent im Kopf herumgeistert, statt als Punkt auf meiner Endlos-To-Do aufzutauchen. Quasi der Kern allen Übels im Mentalload ist gleichzeitig so schwammig, dass ich dafür nicht mal rechtzeitig ’ne App öffnen kann.

In der vierten Woche ärgere ich mich darüber, dass ich so wenig emotionale Arbeit leiste. Und dann klatsche ich mir selbst (innerlich) gegen die Stirn. Mir ist (bisher) gar nicht so richtig klar, wie emotionale Arbeit für MICH aussieht. Noch, wann genau ich die tracken sollte.

Weil sie fast immer GLEICHZEITIG mit anderen Dingen geschieht. Weil mir das eine Kind beim Abendessenkochen was nerviges aus der Schule erzählt. Und das andere MEINEN Badewannenbesuch nutzt, um sich auf den Klodeckel zu hocken und über seine Zukunft zu philosophieren. Btw. ein kluges Kind, ausweichen ist in der Situation echt unmöglich.

Fazit

Ich habe in den letzten vier Wochen also viel über Zahlen nachgedacht. Vor allem über die, die selbst an meinem Geburtstag oder als ich mit Fieber flach lag, angefallen sind.

Und darüber ob das „gerecht“ ist. Sowohl jetzt, wenn ich reduziert(er) arbeite, weil Pandemie und Pandemieschooling und flexiblere Arbeitsorgansiation – während der Gatte seinen systemrelevanten Job durchziehen kann oder eher muss, denn natürlich gibts kein Homeoffice und keine Kurzarbeit, sondern stets vollen Einsatz. Und wehe es wird einer krank!

Und andererseits in nicht-Pandemie-Zeiten, in denen die Kinderversorgung durch Ganztagsschule mit Mittagessen und Nachmittags-AGs ganz anders geregelt ist – und ich trotzdem neben höheren Lohnarbeitszeiten (natürlich!) putze, koche und Dinge organisiere.

Aktuell komme ich auf ~ 20-30h Care Arbeit pro 7-Tage-Woche. Plus Lohnarbeitszeiten von 20-30h pro 6-Tage-Woche obendrauf.

Ohne Ausgleich, ohne Urlaub, ohne „echte“ Freizeit seit gut einem Jahr. Wenn ich mich das nächste Mal abends um 7 frage, warum ich bloß so müde bin (~10h Arbeit sind dann ja schon rum), guck ich einfach in diesen Text. Zur Erinnerung.

Care Arbeit ist Arbeit ist wichtig ist unsichtbar

Care Arbeit ist (oft) unsichtbar. Aber wertvoll. Ohne sie gibt es keine für 5 Minuten sauberen Böden, keine frisch gewaschene Betten, keine geschmierten Brote oder gebackenen Kuchen. Die Haushaltskasse wäre ständig leer, weil keiner auf Bedarf und Nachfrage reagiert und alles kurz vor knapp und ohne nachhaltige Gedanken eingekauft werden müsste. Und niemand riefe bei Oma an. Einfach so, weils mal wieder Zeit ist und/oder es schön ist, ihre Stimme zu hören.

Am 29. Februar – bzw. ersatzweise am 01. März – ist Equal Care Day. ich finde, den Tag solltest du kennen. Und du solltest wissen, dass Care Arbeit eine relevante und wichtige Größe ist, damit Gesellschaft funktioniert.

Denn das es ohne Care Arbeit düster aussieht, erleben wir jetzt gerade in der Pandemie. Um die Versorgung von Kindern und überhaupt den Alltag stemmen zu können, wenn klassische externe Care-Hilfen wie Kita & Schule ausfallen, reduzieren vornehmlich Frauen ihre wöchentliche Lohnarbeitszeit. Und unter den Frauen sind es die Mütter, die am ehesten aussortiert werden, wenn Unternehmen aufgrund der Krise Stellen abbauen (siehe zuletzt H&M).

Wenn dann jetzt bald wieder einer öffentlich mosert, die Deutschen bekämen zu wenig Kinder, geht hier irgendwas zu Bruch. Wahrscheinlich das Fenster, weil ich irgendwas Schweres dagegenwerfe.

Bleibt Care Arbeit unsichtbar, bleibt sie unbeachtet – ändert sich nichts. Nimm diese App-Rezension zum Anlass, über Zeiten nachzudenken – darüber, wer sie wie wie verbringt. Wie du „das bisschen Haushalt“ sichtbarer machst. Nicht nur für dich, sondern auch für Partner:innen. Oder andere Familienangehörige. Und die Gesellschaft eh.

Sabrina
Hy, hier schreibt Sabrina. Freiberuflich als Copywriterin anzutreffen, mit Mann & zwei Kindern in enger Gemeinschaft. Feministisch, bindungsorientiert & zutiefst sarkastisch. Bekennende #coffeeholic

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