Familienalltag, Schulkinder und Preteens
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Schulstart: Auf ein Neues!

Vor einem Jahr zu dieser Zeit war ich verhalten optimistisch, was den Schulstart und die staatliche Grundschule ein Dorf weiter anging. Kind 1 würde das schon hinbekommen, die Klasse wäre klein, es klang auch alles ganz locker und beziehungsfreundlich.

Dann kam im Sommer diesen Jahres der Schock: Unser Kind würde so, hier, jetzt – einfach untergehen. Und dann, nach dieser Aussage, ist viel passiert.

Wir haben uns auf die Suche gemacht. Hospitiert und das Kind selbst hospitieren lassen. „Eignungsgepräche“ geführt und Finanzpläne gewälzt. Seit einer Woche geht Kind 1 jetzt auf eine Montessorischule. Eine, in der jeder Schüler per Handschlag mit Vornamen begrüßt wird. Bei dem Eltern (wenn sie und ihr Kind das wollen) morgens mit ins Schulgebäude dürfen. Wo es zum Begrüßungsritual gehört, dass jeder einzelne Schüler aufgerufen wird, ein Blümchen bekommt und willkommen geheißen wird. Ziemlich fiese Tränendrüse, aber wirkungsvoller (für mich) als pflichtmäßige Gedichtvorlesung von höheren Klassen und das typische „Der Ernst des Lebens beginnt“ Gesäusel. Und Pflichtmäßige katholische Religionslehre gibt es auch nicht mehr. Sondern Ethik für alle.

Lernen passiert immer, überall und jederzeit. Manchmal ist es Ernst, meistens (und am wirkungsvollsten, weil dauerhaft im Gedächtnis verankert) ist es Spiel und Spaß. Dafür muss Raum da sein, indem sich die Kinder bewegen können. Und vor allem: dürfen.

Der Freigeist im Regelschulsystem

Ich glaube immer noch, dass für die meisten Kinder eine staatliche Regelschule schon irgendwie passt. Vor allem, wenn die Klassen klein sind und die Lehrer wirklich engagiert. Und diese Schulen gibt es, die Lehrer dazu gibt es auch.

Nur die Freigeister, die kleinen Kreativen und Verhandler an jeder Baustelle sind die, die sich anpassen müssen. Die sich permament an eng gesteckten Grenzen reiben. Und wenn dein Kind dich dann fragt, WARUM es denn nun ausschließlich Blau und Rot verwenden darf, und du als Mutter keine kluge Antwort geben kannst… Denn klug ist „Weil es so in der Aufgabe steht“ nicht.

Und für die kleinen Freigeister und Kreative ist es auch alles andere als motivierend, wenn ihre Antworten in Testaten (1. Klasse, gell) zwar generell richtig sind – aber ihre „Ich lerne das Schreiben noch“ Handschrift zu komplett roten Blättern führt. Rot korrigierte Blätter führen zu „Ich bin halt nicht so gut“ Denken. Das führt zu „Ich kann nichts“ und zu „Mama, warum kann ich das nicht so wie die anderen?“ Was es in unserem Falle eher schwieriger denn besser machte, war das fehlende soziale Netz: Kind 1 war nicht das, was man „voll integriert“ in den Klassenverband nennen könnte. So gern sie alle Kinder ihrer Grundschulklasse hatte, so wenig Input kam von ihren Freunden zurück. Ob das am eigenwilligen Kleidungsstil liegt (ihrer – und unserer?), am eher unkonventionellen Verhalten von uns Eltern, an unserer eigenen „Nicht-Integration“ in den Dorf-Clan.. who knows.

Vielleicht wäre das die Aufgabe der Klassenleitung, das aufzufangen, jedes Kind einzubinden und zu integrieren. Manche schaffen das. Manche stoßen da an persönliche und vor allem an zeitliche Grenzen. So viel Stoff, so viele Anforderungen. So viele Forderungen anderer Eltern, die hoch gesteckte Lernziele nicht erreicht sehen, wenn die Kinder einen Waldausflug machen oder sich projektmäßig mit Ameisen, Salzabbau oder sonstwas beschäftigen.

Wir haben uns in diesem einen Jahr angebrüllt, die Tochter und ich. Wir haben uns genervt angeschwiegen und es gab permanenten Streit. Über die Hefte und die vergessenen (oder ignorierten?!) Hausaufgaben. Über Materialien, die daheim liegen gelassen wurden, weshalb die Tochter leider leider die Aufgabe nicht erledigen konnte – was zu Hause nachgeholt werden muss.

Über Notizen der Lehrerin, die von Träumereien und Arbeitsverweigerung berichtet. Davon, dass die 100. Wiederholung des 15. Buchstabens des Alphabets leider nicht gut gelänge, man doch bitte das Kind nochmal üben lasse. Daheim. Nach der Schule. (In meiner Arbeitszeit.)

Es ist schwierig bis unmöglich, solche „Aufträge“ gut umzusetzen, wenn man doch weiß: So gelingt lernen nur bedingt. Ich bin mir sicher, auch die meisten Lehrer wissen das. Die Umsetzung scheint schwieriger zu sein, als ich es gehofft hatte.

Neustart: Neue Schule, neues Glück?!

Wenn ich ganz ehrlich bin, dann trauen wir uns gar nicht, allzu optimistisch zu sein bei diesem neuen Schulstart. Wir hoffen.

Im Aufnahmegespräch drifteten wir mit Schulrektor, Klassenleitung und Montessori-Vereinsvorstand schnell in Gesprächsrichtungen ab, die uns wirklich hoffen lassen. Das unser Kind genau so sein kann, wie es ist. Und das sich Lehrer und auch die anderen Schüler wirklich darum sorgen, dass jeder sich gut aufgenommen fühlt.

Es gibt jetzt keine Hausaufgaben mehr. Was in der Schule passiert, bleibt in der Schule. Bewegungseinheiten sind selbstverständlicher Bestandteil im Unterricht und wer sich an Tisch und Bank nicht konzentrieren kann, der legt sich auf den Boden. Was zählt, ist die Begeisterung fürs Lernen. All die vielen wichtigen „hard skills“ erwerben die Kinder nebenher. Spielerisch.

Kind 1 war in der ersten Schulwoche mehrfach im Wald und berichtete von den Abenteuern, die sie dort gemeinsam mit den anderen erlebte. Die Begeisterung ist da – und wir als Eltern wünschen uns so sehr, dass diese Aufregung, diese Freude und das „ich passe hierher“ Gefühl so bleibt.

Und die #vereinbarkeit?

Zur privaten Montessori-Schule fährt natürlich kein kostenfreier Bus. Schon gar nicht auf direkter Strecke. Die konkreten Schulkosten kann man immerhin absetzen, steuerlich. Pro Elternteil werden zusätzlich 26h Elternarbeit fällig – Zeit, die man sich nehmen muss und die direkt in die Schule fließt. Nicht „nur“ in nette Sommerfeste, sondern direkt in die Ausstattung der Räume, die Lernmaterialien der Kinder oder schlicht in die Funktionalität der Schulküche.

Im Schulgeld enthalten wäre die offene Ganztagsschule bis 16:00 Uhr mit unterschiedlichen Nachmittagsangeboten, von Nähen über Tanzen, Werken und Theater-AG bis zu weiteren Lernangeboten. Wenn wir denn einen Platz bekommen hätten. Haben wir aber nicht. Dafür endet die Schule immer gleich, immer mittags. Kein Zittern mehr davor, wann das Kind denn an welchen Tagen Schulschluss hätte.

Wir mischen jetzt die Karten neu. Teilen uns als Eltern die Fahrtzeiten auf, müssen unsere Termine noch stärker als vorher koordinieren. Das wird den Alltag noch etwas durcheinander rütteln. Plötzlich bin ich eine „Mittags das Essen auf dem Tisch haben“ Mom (wie ist das bloß passiert?!).

Optimistisch verhalten in die Zukunft

Wir sind gespannt. Und wir hoffen, dass es passt. Künftig. Denn wir Erwachsene haben ganz unterschiedliche Erfahrungen mit der Schule gemacht – und mussten beide nach dem Ende derselben ganz das Lernen lernen. Jetzt hoffen wir, dass eine neue, freie Schule und der familiäre Zusammenhalt dafür sorgt, dass Kind 1 sich der Freude am lernen widmen kann.


Etwas ungeplant ist dieser Beitrag jetzt noch Teil der Blogparade von Die Physik der Beziehungen geworden. Da geht es um #Schule #selbstbestimmt #unerzogen – also ein Kontext, der mir grundsätzlich lieb und teuer ist.

Kategorie: Familienalltag, Schulkinder und Preteens

von

Hy, hier schreibt Sabrina. Freiberuflich als Copywriterin anzutreffen, mit Mann, zwei Kindern & Bürohund in enger Gemeinschaft. Feministisch angehaucht, bindungsorientiert & zutiefst sarkastisch. Bekennende #coffeeholic

4 Kommentare

  1. Katrin sagt

    Ich beneide euch um die „Ausweichmöglichkeit“, hier ist in der Hinsicht keine Option möglich und beide Kinder verweigern immer mehr diesen Quatsch. Zumal Kind1 nur noch als Hilfslehrer benutzt wird, weil er sich so langweilt…
    Berichte mal, wie es läuft.

    • Das war tatsächlich reines Glück. Viel mehr Varianten hätte es nicht gegeben. Die Alternative wäre „Zähne zusammenbeißen, Augen zu und hoffen, dass es bald rum ist“ gewesen – aber glücklicherweise mussten wir uns damit gar nicht erst befassen.

  2. Ach, das tut mir leid, dass es in der ersten Schule nicht gut geklappt hat. Ich drück die Daumen, dass es jetzt besser läuft.

    Anmerken möchte ich noch, dass „Regelschule“ nicht gleich „Regelschule“ ist – bei uns ist zum Beispiel morgens-mit-in-die-Schule gehen durchaus möglich und üblich, Noten und Tests gibt es in den ersten Schuljahren so noch nicht etc. Aber auf dem Dorf ist die Auswahl natürlich begrenzt und auch je nach Bundesland gibt es sicher größere Unterschiede.

    • Wir starten direkt mit der 2. Woche und Krankenlager .. mal schauen, wie es dann nächste Woche weiter geht.

      Und ja, natürlich ist nicht jede Regelschule gleich. Wir sitzen hier im schönen Bayern und konnten im Grunde schon froh sein, dass die Dorfschule im nächsten Ortsteil eine erste Klasse anbieten konnte – das ist ja im ländlichen Bereich nicht mehr selbstverständlich. Und für die anderen 15 Kinder scheints in der Klasse ja zu passen.

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