#regrettingmotherhood, Rezensionen & Lektüre
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Rezension: Christina Mundlos – Wenn Mutter sein nicht glücklich macht

Es ist eine kritische Auseinandersetzung zum Phänomen #regrettingsmotherhood die Christina Mundlos da – mittlerweile vor über einem halben Jahr – veröffentlicht hat. Das Buch lag lange auf meinem Stapel – aber das Thema #regrettingmotherhood war für mich immer noch zu frisch, zu beeindruckend in seiner Bandbreite. Um es mal so zu sagen: Ich war noch gar nicht soweit, mich auf wissenschaftlicher-theoretischer Basis damit zu befassen. Aber: jetzt, hier, heute.

Das Buch: Wenn Mutter sein nicht glücklich macht

Nach der unvermeindlichen und immer noch notwendigen Erklärung, das „regretting motherhood“ eigentlich bedeuten soll, was die ursächliche Studie aussagt und wie wir das in Deutschland mit der Reue denn so aufgenommen hätten (schlecht, btw.), demontiert Mundlos den Mythos der Mutterschaft als endlosen Quell der Freude.

Und ja, es ist eine Demontage. Denn das, was von Frauen erwartet und gefordert wird, ist im Grundsatz unerfüllbar.

Eine „gute“, eine „normale“ Mutter würde laut dieser Ansicht anstandslos und ohne mit der Wimper zu zucken auf Essen, Trinken, Schlafen etc. verzichten, ganz zu schweigen von von irgendwelchen „Vergnügungen“, wie es abfällig genannt wird, um sich voll und ganz den Bedürfnissen ihrs Kindes zu widmen (von den Vätern wird dergleichen interessanterweise dagegen nicht verlangt – ihnen werden Freiräume anstandslos zugestanden). Wenn wir uns eine gute Mutter jedoch so vorstellen, dann handelt es sich dabei um eine utopische Fantasiegestalt. Ein solcher Mensch kann nicht existieren. Und Menschen, die ihr Selbst derart aufgeben, sind psychisch sehr krank.“ (Mundlos, s. 38 f)

Die Anforderungen an eine Mutter sind hoch – und sie steigen unweigerlich weiter an. Nachdem der Wunsch nach erfüllender Arbeit dazu kommt, sieht die Autorin die Zusammenhänge zwischen drohendem Burnout und dem Versuch, möglichst alle geforderten Ansprüche an die Mutterrolle zu erfüllen. Felicitas Richter hat das als Einstieg in ihre „Simple present“ Methode sehr eindrucksvoll beschrieben: Der volle Tag in der Arbeit, dann schnell Einkaufen, Kind 1 zur Musikschule, mit Kind 2 wertvolle Qualitytime mit Plätzchenbacken. Wenn dann der Partner noch etwas fordert, bricht das Kartenhaus zusammen.

Bereuende Mütter wären übrigens besonders stark (statt schwach, wie es manchmal in den Diskussionen durchscheint): Immerhin reflektieren sie, über ihre Rolle, ihr eigenes Befinden, ihren Platz in der Welt – trotz des gesellschaftlichen Drucks, der herrscht.

Irgendwo in diesem Korsett aus Anforderungen an Mütter gehen also einige „verloren“, indem sie die Anforderungen von allen erfüllen, sich selbst und eigene Bedürfnisse unerfüllt lassen. Soweit so schlecht, ist das bereits Kern einiger Beiträge in Zeitungen, TV-Berichten oder Blogbeiträgen.

Sinngemäß sagt Mundlos an anderer Stelle:

Erst bringen wir unseren Töchtern das fliegen bei, um ihnen als junge Frauen die Flügel zu stutzen.

Ein deprimierendes Bild.

Die Wechselwirkung aus Frauenbewegung und Mutterideal

Spannend fand ich Folgendes:

Historisch betrachtet steigen (!) die Anforderungen an die Mutterrolle immer dann, wenn Frauen für Gleichberechtigung und Gleichstellung kämpfen. Mundlos belegt das an unterschiedlichen historischen Beispielen. Der Versuch, sowohl eine perfekte Mutter als auch „dem Manne gleichgestellt“ zu sein führt unweigerlich in die Katastrophe. Neudeutsch: Burnout.

Mommy wars finden sich da auch direkt wieder: Denn durch diese erhöhte Mutterrolle rutschen wir als Mütter in eine wirklich fiese Abwertungsfalle. Mundlos definiert das so:

Schuld- und Minderwertigkeitsgefühle (weil frau dem Ideal der glücklichen Mutter nicht genügt) führen zu reflexhafter Abwertung anderer Mütter (offensive Reakton) führt zu Schuld- und Minderwertigkeitsgefühlen

Und wenn wir mal überlegen: Wie oft kommt auf ein geäußertes „Ich arbeite nun mal gern“ ein „Wofür hast du dann Kinder bekommen?!“, worauf ein „Immerhin unterstütze ich die Volkswirtschaft!“ folgt. Naja, oder so ähnlich.

Dieser Kreislauf treibt also Mütter generell in eine Spirale aus Erwartungen, die gesteckt aber nicht erfüllt werden können – und von außen kommen. Die KiTa-Fondant-Wunderwerke, selbstgebastelte Einladungskarten, selbst entworfene Kleidung, handgeschneiderte Kostüme für die Theater-AG usw. Neben dem Beruf, versteht sich. Und dabei bitte immer lächeln, nicken, glücklich sein. Wer jammert und mit den Rahmenbedingungen hadert, „hätte besser keine Kinder bekommen sollen“. Das Urteil ist harsch und schnell gesprochen.

An sehr vielen Stellen kann ich mit dem Kopf nicken. Das beobachte ich ebenfalls – ganz ohne wissenschaftliche Untermauerung. Mundlos hat verschiedene Interviewpartnerinnen für ihr Buch gewonnen, die in der Mitte ausführlich zitiert werden – und anschließend auch analysiert. Das hätte es für mich jetzt nicht gebraucht – untermauert aber natürlich noch die Thesen von Mundlos, auf welcher Basis das Phänomen steht und was – im nächsten Abschnitt – an Konsequenzen zu erfolgen hätten.

(Gewollt) Kinderlose vergisst sie übrigens nicht: Im eigenen Kapitel geht sie hier auf die Dimensionen ein, die (gewollt) Kinderlose im Alltag ertragen müssen. Ich bin selbst „früh“ Mutter geworden und habe das in der Form nicht selbst erlebt – aber ja, genau so kann ich mir das vorstellen.

#regretting motherhood: politische Forderungen als Konsequenz

Dann nähern wir uns auch bereits dem Ende des Buchs. Und hier wiederholt Mundlos Forderungen, die sie teils bereits 2012 gemacht hatte – die aber natürlich (denn Politik ist langsam und überstürzt nichts) bislang nicht oder nur wenig umgesetzt wurden. Im einzelnen:

  1. flächendeckende Kinderbetreuung, um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu ermöglichen
  2. falsche Anreize beheben (Betreuungsgeld)
  3. bildungspolitische Veränderungen anstreben
  4. Vaterschutz und Elterngeldmonate: Anreize setzen, um die Väterbeteiligung zu stärken
  5. Stillterror stoppen*

*Ja, genau an der Stelle habe ich dann entsetzt den Kopf geschüttelt. Naturgemäß, als Stillbereraterin, kann ich der Forderung, Werbung für Muttermilchersatznahrung zuzulassen bzw. die Empfehlung der NSK zu Stilldauer usw. abzuschaffen, NICHT folgen. Es gibt Länder, in denen es wesentlich höhere Stillquoten gibt – und parallel auch die Vereinbarkeit von Beruf und Familie unter einem besseren Stern steht. Was daran liegen dürfte, dass Stillen biologische Normalität und damit etabliert ist – davon kann in Deutschland noch immer nicht endgültig die Rede sein.

Tipps zum Abschluss: für mit/ohne Kinderwunsch, Schwangere, bereuende Mütter/Väter

Lest sie selbst nach. Im Grunde nicht viel neues, aber alles auf einem Kapitel versammelt.

Fazit

Ok, es beginnt etwas trocken, aber dann hatte es mich. Die Sprache ist eher emotionslos und neutral, aber die Beschreibungen der Zusammenhänge umso eindringlicher.

Was mich sowohl verwunderte als auch irritierte ist das völlige Fehlen von Bezügen zur Bloggosphäre. Ich bin der Meinung, #regrettingmotherhood ist überhaupt erst durch die immense Welle der Blogbeiträge in den Fokus von Zeitungen und Medienmachern aufgestiegen. Aber diese Basis findet im Buch quasi keine Beachtung. Möglich, dass das so nicht ins Buchkonzept passte.

Leseempfehlung? Ja. absolut. Allein schon, um von dort ausgehend noch etwas mehr zu Feminismus und Backslash zu erlesen.

 

 

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