Jetzt ist nicht die Zeit zum Verhandeln

Wir haben Pandemie. Und wenn Eltern aka Mütter unter der Last der Doppel- und Dreifachbelastung durch Kinderbetreuung, Bildung und paralleler Erwerbsarbeit stöhnen, dann kommt ein Satz besonders gerne: „Alles private Entscheidung, alles eigenes Verschulden!“ Hätten wir halt mal besser verhandelt! Dann wär das alles gar nicht so schwer!

Warte mal. Wie bitte?

Das hättest du dir halt vorher überlegen sollen.

random Mensch in random Diskussion

An der Stelle steige ich schon aus. „Ich verhandle nicht mit Terroristen!“ mag ich da schreien/tippen und sofort reißaus nehmen.

Was hätte ich mir vorher überlegen sollen?

Vor 11 und 8 Jahren keine Kinder zu bekommen? Ist jetzt nen büschen spät für, ne?

Vor bald 20 Jahren nix „mit Medien“ zu studieren, obwohl ich darin WIRKLICH gut bin? .. tja. Der Zug ist abgefahren. Ich hab das gefunden, was ich gut und gerne mache. Wird halt weniger gut bezahlt und lässt sich im Angestelltenverhältnis nur so semigut mit der Familie vereinbaren. Und als Selbstständige sitzt du – zack – in der Geld-gegen-Zeit-Falle. Und Zeit ist grad knapp, wenn das bisherige Netz aus Betreuung und sozialen Kontakten wegbricht.

Vielleicht hätte ich nie nach Bayern ziehen sollen, wo Kinderbetreuung noch immer eine Sache zwischen 8 und 4 ist, jedenfalls für Kindergartenkinder? Und Schulkinder auf staatlichen Grundschulen nur bis 11:30 Uhr betreut werden, dass das klar ist. Hätte mir als Ostkind das bewusst sein müssen – mit 24 Jahren?

Alles Verhandlungssache! Muss frau halt mal auf den Tisch hauen und den Partner einbinden!

random Mensch, gern kommentiert unter feministischen Artikeln, die auf die überwiegende Care-Arbeitsbelastung der Frauen* berichtet

Ich weiß nicht, woher diese Menschen ihre Kraft nehmen. Ich hab grad keine übrig, um zum x-Mal darüber zu diskutieren, wer grad mehr oder anteilig mehr oder ungerecht mehr/weniger/wasauchimmer macht. Ich versuche, alles im Blick zu behalten und möglichst wenig unter den Tisch kippen zu lassen. Gelingt mir das? Natürlich nicht! Es ist meine erste Pandemie, by the way…

Und noch eins weiß ich nicht: Ob andere nicht-so-viel-care-arbeitende Partner:innen sich echt nen faulen Lenz machen daheim. Hier jedenfalls sind wir am Limit – beide. Weil die Erholung durch kurzzeitige Auszeiten fehlt, weil die Großeltern nicht wie sonst mit eingerechnet werden können, weil die finanzielle Zukunft in Teilen ungewiss ist. Das belastet uns – beide. Nicht nur mich. Nicht nur ihn. Sondern uns, als Paar und als Eltern.

Und so macht die/der mit etwas mehr Kraft, was nötig ist. Und wenn Grundsatzdiskussionen zu viel von allem fordern, macht frau/mann halt das, was grad nötig ist AUCH dann, wenns ungerecht(er) verteilt ist.

Da können die Eltern ihre Kinder ja auch mal richtig kennenlernen.

sinngemäßes Zitat eines Brandenburgischen Ministers, der Corona-bedingtes homeschooling kaum schlimmer findet als Sommerferien plus 2 Wochen extra.

Jupp. 14 Wochen Ferien pro Jahr kriegen wir hin. Weil wir die planen können! Da sind Großeltern eingespannt, da werden Aufträge gar nicht erst angenommen oder bewusst in wochenlanger Nachtarbeit vorgearbeitet. Der Gatte nimmt Urlaub, damit die Kinder nicht völlig verwahrlosen. Denn: Mama arbeitet!

Und so sehr ich meine Kinder liebe: Ich bin echt gern allein. Ich atme gerne mal ganz alleine durch. Führe echt gerne wichtige geschäftliche Gespräche, ohne das mir ein bis zwei Kinder durchs Büro stampfen, weil sie „kurz eine Frage haben“. DENKE auch gerne mal 2-3 Sätze ungehindert, bevor wieder jemand vor mir steht und mir etwas unglaublich Wichtiges erzählen mag.

Dass Kinder so sind wie sie sind, das ist richtig und wichtig. Sie sind völlig gut so, wie sie sind. Nicht nerviger, anstrengender oder unkooperativer als sonst. Ganz im Gegenteil: Sie machen das erstaunlich gut. Aber ICH bin diejenige, die das soziale Netz braucht. Die Erwachsene um sich herum braucht und etwas Raum zum Atmen, weil nach 10 Wochen+ das „overtouched“-Syndrom eine ganz neue Dimension erreicht hat.

Wischt das nicht mit einem „ha, das sind ja grad mal die Sommerferien und etwas mehr“ weg. Wir – und alle anderen Eltern – wissen nur zu gut,dass da noch ein paar Wochen Ferien kommen. Immerhin (hoffentlich!) ohne #pandemieschooling dabei. Letzteres haben wir uns übrigens auch nicht ausgesucht. Da gabs zu Beginn der Schulschließung nämlich keine Umfrage: „Willst du dein Kind 2-5h täglich mit Arbeitsmaterialien beschulen, auch wenns keinen Bock drauf hat? Kreuze an: Ja | Ja, aber ungern | Auf keinen Fall!“

Gefragt hat natürlich* keiner! Schule und Corona ist aber ein Thema für sich. Wie gut, dass Uta bereits beschrieben hat, wie sich das für sie als Lehrerin darstellt.
* Wir haben schließlich immer noch Schulpflicht.

It’s a pandemic thing, baby.

Menschen reagieren unterschiedlich auf äußere Belastungen. Und wenn gerade tausende Eltern im deutschsprachigen Raum röcheln, unter der Mehrfachbelastung aus #homeschooling, #homebetreuung und #homeoffice (bzw. übliche Arbeit, nur ohne Kinderbetreuung) beinahe zusammenbrechen, dann ists halt eben doch keine persönliche Entscheidung. Dann ists vielleicht doch der klare Ausblick darauf, was in unserer Gesellschaft eindeutig nicht gut läuft – und was wir künftig, demnächst, wenn wir uns alle irgendwie berappelt haben, angehen müssen.

Sabrina
Hy, hier schreibt Sabrina. Freiberuflich als Copywriterin anzutreffen, mit Mann & zwei Kindern in enger Gemeinschaft. Feministisch, bindungsorientiert & zutiefst sarkastisch. Bekennende #coffeeholic

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