Corona Fatigue

Relevanzverlust

Es ist Ministerpräsidentenkonferenz. Mal wieder. Aber sie hat keine Relevanz mehr für mich.

Bei der Verkündung des 1. Lockdowns saß ich wie gebannt vor dem Fernseher. Die Kinder waren spielen – und ich hockte vor dem Fernseher. Weinend.

Inzwischen läuft irgendein Nachrichtensender. Nebenher. Die Entscheidungen, die dort verkündet werden – sie haben keine Relevanz mehr für mich. Das permanente Hüh und Hott hat mich zermürbt. Ich bin #mütend und stumpf und kann dem ganzen kaum noch einen aktiven Gedanken widmen.

Relevanzverlust – wenn ständig Lockdown ist

Seit letztem Jahr, seit dem ersten Lockdown reduziere ich – reduziert meine ganze Familie – Kontakte. Lebensmittel und Baumarkt-Gedöns lokal, der Rest online eingekauft. Jeweils ein Kontakt pro Kind, die BFFs dürfen sein. Großeltern nur mit Abstand (oder bei RICHTIG niedriger Inzidenz). Demnächst dann mit zusätzlicher Absicherung durch Schnelltests. Und trotzdem sehen wir uns selten. Und draußen.

Kein Urlaub. Keine Shoppingtouren. Keine Restaurantbesuche. Keine Festivals und Konzerte. Kein Kino, kein Museum, keine Galerie solange die Deutschlandkarte dunkelrotviolett blinkt.

Im Sommer war ich mit einer Freundin einmal essen. Drinnen. Und danach Kaffee in der Altstadt. Davon zehre ich jetzt noch, mehr als ein halbes Jahr später. Mehr war nicht drin, ziemlich danach schnellten die Zahlen wieder hoch.

Beschließt doch was ihr wollt, grummelt es innerlich in mir. Es berührt mich kaum noch. Statt wie im März ’20 weinend auf der Couch zu sitzen, atme ich jetzt höchstens einmal tief durch. Und mache weiter im #homeeverything.

Was weh tut: Zahlen sind Zahlen sind Menschen

Die Zahlen haben ihren Schrecken verloren. Ein vollbesetzter Airbus voller Toter am Tag? Ja, blöd. Aber kaum noch eine Meldung wert. Kaum 12 Prozent aller Deutschen geimpft? Puh. Tja. Wundert eigentlich auch niemanden mehr, ne? Und überhaupt, es sind ja eh immer die andren schuld. Bund, Länder und Kommunen spielen fröhlich Schuldzuweisungs-“Du bist!”.

Schulen offen bei Inzidenzen um die 200? Naja, ja – wir lüften ja. Und es gibt ja bald ne Teststrategie. Also – nach den Ferien. Und Lehrkräfte werden ja auch bald geimpft. Wann das “bald” sein soll, weiß aber niemand so genau. Zu unsicher die Impfstoff-Zuteilung, zu strikt die notwendige Einhaltung der Impfreihenfolge.

2020 haben wir bei Inzidenz 35 daheim gesessen und überlegt, wie wir Kontakte noch weiter reduzieren könnten. Alles war zu. 2021 sitzen wir bei Inzidenz um die 200 (in meinem Landkreis) zwar immer noch daheim… aber Baumärkte haben mehr oder weniger offen, in den Supermärkten steppt der Bär – und die Innenstädte sind voller Menschen. Klar, ist ja Frühling. Und alle WOLLEN ENDLICH MAL WIEDER NORMALITÄT. UND ÜBERHAUPT DIE WIRTSCHAFT!

Der Schrecken aus Bergamo – die sich stapelnden Särge, die Triage als letzte furchtbare Instanz – hat seinen Warneffekt verloren.

Und das ist das, was weh tut: Ein Jahr Herumhampelei stumpft ab. Wir stumpfen ab. Haben die innerliche Notbremse für den Schulbesuch der Kinder auf “naja aber höchstens bis 120er Inzidenz” gesetzt. Haben kurz überlegt, ob wir nicht vielleicht doch die Großeltern zu Ostern besuchen könnten…. und dafür einmal quer durchs Land fahren. Bei einem Airbus voller Toter am Tag, bei über 20.000 Neuinfektionen pro Tag, mitten im “Lockdown” der keiner ist.

Ich muss mich selber kneifen. Muss den Relevanzverlust spürbarer machen, damit … ja was eigentlich? Damit der endlose Lockdown mit #homeeverything vielleicht doch irgendwann ein Ende hat. Weil andere den Relevanzverlust auch spüren. Weil wir keinen täglichen Airbus (oder zwei, oder drei) voller Tote wollen. Kein LongCovid für alle. Keine (mehr und mehr und mehr) verheizten Pflege- und Lehrkräfte.

Ich hätte auch gern Normalität. Post-Covid-Normalität. Aber da sind wir noch nicht. Noch lange nicht.

Ich hätte jetzt voll gern die beste Lösung von allen. Die, die alle glücklich stimmt. Die die Airbusladung voller Toter verhindert und alle ITS-Patient:innen spontan heilt. Ich hab aber keine Lösung. Natürlich nicht. Ich bin die, die nette Werbetexte verfasst und meistens ganz kluge Dinge in die Tastatur hackt. Keine Politikerin, keine Pandemieexpertin. Aber ich wünschte wirklich, die Entscheidungsträger da draußen würden endlich auf diejenigen Expert:innen hören, die seit Monaten Lösungen vorschlagen. Ach was: fordern. Und sie fordern das zurecht.

#lebenretten #harterlockdownjetzt

Sabrina
Hy, hier schreibt Sabrina. Freiberuflich als Copywriterin anzutreffen, mit Mann & zwei Kindern in enger Gemeinschaft. Feministisch, bindungsorientiert & zutiefst sarkastisch. Bekennende #coffeeholic

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