Mein Feminismus ist ein Haus

Ein ziemlich großes Haus. Ein bisschen angestoßen, mit älterem Fundament, ein paar neue Zimmer, ja ganze Etagen wurden schon angebaut. Grundsätzlich steht es allen Frauen offen. Es soll ihnen den Raum geben, um sich zu sammeln. Anzukommen. Sich auszuruhen und Kraft zu schöpfen.

Es ist ein Haus mit vielen Zimmern. Reichlich Platz ist da vorhanden. Um Pläne zu machen. Oder sich leise weinend in den Armen zu liegen. Um mal alle Wut herauszuschreien. Oder konkrete Forderungspläne zu erarbeiten. Um in großer Runde Themen anzugehen. Oder 1:1 miteinander ins Gespräch zu kommen. Um, und das vor allem: Einander zuzuhören.

Es ist ein bisschen verwinkelt. Um an die alten Gebäudeteile zu kommen, braucht es ein bisschen. Aber der Weg lohnt sich, es gibt auf dem Weg so viel zu entdecken: Das Recht auf Scheidung, das Recht auf Selbstbestimmung über die Reproduktion, das Recht auf Wahlen und politische Ämter, auf eigene Finanzmittel und darauf, die eigene Stimme zu erheben – jederzeit.

Ich bin Feministin geworden, weil ich sonst Masochistin geworden wäre.

Sally Kempton in „Das Wörterbuch der bösen Mädchen“

Für einige Neuankömmlinge wirken diese alten Räume neu und verlockend. Andere gehen achselzuckend vorbei, das haben sie alles schon gesehen. Für sie gibt es nichts Neues zu entdecken, das ist alles vertraut und – so scheint es – nichts weltbewegendes. Sondern selbstverständlich.

Manche Räume sind für bestimmte Frauen vorgesehen. Für BPOC und POC, für wirtschaftlich schwache oder für Menschen mit physischen und psychischen Einschränkungen. Diese Räume sind keine Zellen – das darf bitte nicht verwechselt werden! – ihre Türen stehen immer weit offen. Wer will, geht hinein und tauscht sich aus. Wer mag, lernt so jeden Tag etwas neues dazu, während frau von Zimmer zu Zimmer wandert.

Es gibt auch Schutzräume. Zimmer, in denen nur ganz bestimmte Menschen Zutritt haben: Frauen, um sich von Übergriffen durch Männer zu erholen. Traumatisierte Frauen und die, die dringend Abstand brauchen; aber auch Transfrauen und LGBT-Menschen, non-binarys und queere Menschen, die dringend Schutz und Rückzugsorte benötigen. Diese Schutzräume sind wichtig, sie wahren die individuellen Bedürfnisse jedes und jeder einzelnen in diesem großen Haus.

In diesem Haus, das Feminismus für mich ist, sind deshalb manche Räume offen für alle – und andere exklusiv. Die Hoffnung ist groß, dass jede und jeder einmal in jedem Raum war. Sich dort ausgetauscht hat. Aber vor allem: ZUGEHÖRT hat.

In dem Haus, das Feminismus für mich ist, streiten sich die Frauen manchmal. Manchmal auch sehr oft. Sie alle wollen dieses Haus für sich, wollen es nach ihren Wünschen gestalten. Manche wollen den Zugang beschränken, andere alle Mauern einreißen. Einige finden auch, das ganze Haus gehört abgerissen, abgeschafft – weil es längst unnötig geworden wäre.

Eine Feministin ist eine Frau mit einem begnadeten Selbstbewusstsein.

Jutta Limbach in „Das Wörterbuch der bösen Mädchen“

Das klappt aber nicht, denn das Haus gehört ihnen nicht allein. Es gehört allen, die feministisch denken. Es gibt keine Handhabe gegen bestimmte Gruppen. Kein Vorrecht für andere, vorrangig zu bestimmen wie es hier aussieht. Es gibt nur die Chance, zusammenzurücken und miteinander daran zu arbeiten. Das Haus gemeinsam weiterzuentwickeln. Stück für Stück, Zimmer um Zimmer zu erweitern, auszugestalten, voranzubringen.

Bis jede Frau, die einmal vor der Tür steht, ihren Raum bekommen kann. Sich geborgen und sicher fühlt. Sich kurz erholen kann von der Welt vor der Türe. Bis, ja bis schließlich die Welt selbst zu einem Ort geworden ist, vor dem sich niemand mehr zurückziehen müsste.

Feministin zu sein, ist das Mindeste, was eine Frau tun kann.

Rita Süßmuth in „Das Wörterbuch der bösen Mädchen“

Und wenn eine Transfrau vor der Tür steht oder ein Mensch, der sich anders identifiziert? Dann ist die Tür ebenso offen. Selbstverständlich ist sie das. Wie sie auch offen ist für Männer, die es leid sind draußen allein zu kämpfen. Die ebenso wie jede andere Mensch einen Moment brauchen, um sich hinzusetzen, durchzuatmen, anzukommen. Weil toxische Männlichkeit schmerzhaft ist – für uns alle. Und weil Feminismus der Weg ist, um dieses Gift zu bekämpfen.

Mein Feminismus ist ein Haus mit vielen Zimmern, einem starken Fundament und einem Dach, das alle gemeinsam schützt. Zusammen wird das Haus größer, stärker, präsenter.

Es ist, alles in allem, ein schönes Haus. Ein wichtiges noch dazu.

Viele Hände haben daran gewirkt. Ihre Vorstellungen sind vielleicht unterschiedlich, ihre Worte während der Zusammenarbeit nicht immer wohlgewählt – aber so ist das mit Dingen, die gemeinschaftlich entstehen.

Sabrina
Hy, hier schreibt Sabrina. Freiberuflich als Copywriterin anzutreffen, mit Mann & zwei Kindern in enger Gemeinschaft. Feministisch, bindungsorientiert & zutiefst sarkastisch. Bekennende #coffeeholic

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