Geburtstag – bittersüße Gefühle. Und Trauer.

Heute wird mein großer Sohn 16 Jahre alt. Es ist ein Tag zum Feiern. Aber für mich ist es auch immer ein Tag der Trauer. Denn die Geburt meines Sohnes war nicht schön. Nicht selbstbestimmt. Nicht kuschelig. Und unser primäres Bonding ist auch voll in die Hose gegangen.

Jahrelang habe ich mir deswegen Vorwürfe gemacht, habe gedacht, ich habe versagt und alles falsch gemacht. Bis ich irgendwann gemerkt habe, dass ich nicht allein damit bin, dass es nicht meine Schuld ist. Dass unsere Bindung auch so gelungen ist. Aber die Trauer bleibt.

Was war passiert?

Nach einer unauffälligen Schwangerschaft war am frühen Morgen des 15. Februar 2000 die Fruchtblase geplatzt. Wir fuhren ins Krankenhaus. Und dort ging es los. „Gehen Sie spazieren.“ „Kommen Sie in einer Stunde wieder.“ Stundenlang wurden wir so beschäftigt. Dann wurde eine Tablette vor den Muttermund gelegt, „damit etwas vorwärts geht“. Wehen kamen erst zaghaft, gingen dann wieder weg. Immer wieder wurden wir zum Spazieren gehen geschickt. Und so richtig Zeit hatte niemand für uns. Wir hatten keine Beleghebamme und an diesem Tag wurden viele Kinder geboren. Wir saßen im Materiallager, weil alle Kreißsäle belegt waren und der Tag ging langsam und zäh vorbei.

Abends dann der Wehentropf. Und damit kamen die Schmerzen. Dann die PDA. Der Anästhesist war ruppig und ungeduldig und es ging immer noch nichts voran. Morgens um kurz vor 6 dann die Ansage. „Wir können nicht länger warten, unterschreiben Sie hier.“ Kaiserschnitt. Ich war verzweifelt, zermürbt vom Warten und den Schmerzen. Und willigte ein. Wie ein Stück Vieh wurde ich auf die Bahre gelegt. Meine letzte Erinnerung, bevor die Vollnarkose wirkte, ist das Gefühl zu ersticken, weil ich intubiert wurde.

Als ich das erste Mal wach wurde, zeigte man mir ein Baby, von dem sie behaupteten, es sei mein Sohn. Ich war total benebelt und nahm gar nicht wirklich etwas wahr. Erst Stunden später, da war ich längst auf dem Zimmer, bestand meine Mutter darauf, dass wir jetzt mal das Kind holen und ich ihn hielt.

Niemand hat mir jemals die genaue Indikation für den Kaiserschnitt genannt, die habe ich erst nach über 10 Jahren erfahren, als ich endlich den Geburtsbericht beim Krankenhaus angefordert habe. Es war eine relative Indikation, also nicht zwingend, aber doch sicherer. Ok, damit kann ich jetzt besser leben. Aber mit der Behandlung, die ich damals erfahren habe, da hadere ich noch immer.

Gefühl: entmündigt

Die Erinnerung an die Geburt meines ersten Kindes wird für immer mit einem Gefühl der Ohnmacht verbunden sein. Ich habe mich ausgeliefert, hilflos und entmündigt gefühlt.

Natürlich ist es das Wichtigste, dass mein Kind gesund zur Welt kommen konnte, aber es ist nicht das Einzige was zählt. Wichtig ist auch mein Schmerz und meine Trauer. Auch meine Wut über die fehlenden Erklärungen, die Entmündigung im Krankenhaus. Auch für meinen Mann ist es keine schöne Erinnerung.

Es war eine schwere Geburt und sie wird mich mein Leben lang begleiten, diese bittersüße Erinnerung.

Dass es auch anders gehen kann, habe ich bei der Geburt meines zweiten Sohnes erfahren dürfen. Spontan, zwar auch nicht komplett selbstbestimmt, aber viel freier und würdevoller. Seine Geburt hat mir die Schuldgefühle genommen, die ich hatte, weil ich es nicht geschafft hatte, meinen  ersten Sohn zu gebären. Sie hat mich mit vielem versöhnt.

Aber die Trauer bleibt.

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