Unsere Geschichten

Immer mal wieder begegnet mir ein Zitat:

Wir wissen nicht, was andere Menschen denken oder fühlen. Wir interpretieren ihr Verhalten und sind dann wegen unserer eigenen Gedanken beleidigt.

Das ist wahr. Denn meist sind es die Geschichten, die wir uns selber erzählen, die uns Stress machen und uns von der Realität ablenken.

Ein Beispiel: Schuhe anziehen

Mein Kind will, dass ich ihm die Schuhe anziehe.

Meine Geschichte: „Das kann er doch schon selbst. Wir haben eh wenig Zeit, jetzt könnte er wirklich kooperieren. Immer dieses Theater wegen der Schue. Er muss das doch endlich mal alleine machen, usw. “

Versteht ihr, was ich meine?

Ein Beispiel: Hausaufgaben machen

Mein Kind will seine Hausaufgaben nicht machen.

Meine Geschichte: „Aber er muss sie machen! Ist ja auch gar nicht so viel. Und wenn er sie nicht macht, dann bekommt er Ärger mit den Lehrern. Außerdem steht bald die Klassenarbeit an. Die wird dann bestimmt schlecht, wenn er nicht in den Hausaufgaben übt. Und dann bekommt er eine schlechte Note auf dem Zeugnis. Vielleicht bleibt er gar sitzen…“

Und schon haben wir vor unserem geistigen Auge einen Schulversager und künftigen Sozialfall.

Ist das wirklich wahr?

Daher sollten wir unsere Gedanken und Geschichten einer gründlichen Realitätsprüfung unterzeihen. Dies können wir tun, indem wir uns fragen, ob das, was wir uns da ausdenken, wirklich wahr ist. Wir können auch bewusst andere Erklärungen und Geschichten suchen, um uns zu verdeutlichen, dass es mehr als eine Interpretationsmöglichkeit gibt. Und wir können auch ganz bewusst STOPP sagen, wenn wir merken, dass wir wieder unsere Geschichten spinnen. Dann können wir zurück zu den Fakten kommen und sehen, was wirklich passiert.

Mein Kind will, dass ich ihm die Schuhe anziehe.

Warum nicht? Vielleicht möchte es gerade einfach meine Aufmerksamkeit und Zuwendung. Oder es sind die Schuhe, wo seine Schleife nie richtig hält.

Mein Kind will seine Hausaufgaben nicht machen.

Ok, dann reden wir darüber, warum das so ist. Vielleicht finden wir gemeinsam eine Lösung. Aber ganz ohne meine Geschichte, denn die hält mich davon ab, mein Kind zu sehen, weil sie sich zwischen uns schiebt.

Wenn wir aufhören, uns Geschichten zu erzählen, dann können wir ruhiger und gelassener an solche Situationen gehen und haben die Möglichkeit, den Blick auf die Bedürfnisse hinter den Handlungen und Worten zu richten. Und so können wir diese Bedürfnisse in den Mittelpunkt stellen, statt unsere Geschichten zwischen uns zu stellen. Dann kommen wir der Lösung näher.

Uta
Mutter von zwei, Lehrerin, Stadtmensch

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