Wir können unsere Kinder nicht vor allem schützen – und das ist auch gut so.

Wie gerne würde ich meinem Kind unangenehme Erfahrungen im Leben ersparen. Ich würde z. B. gerne verhindern, dass er von anderen Kindern geärgert wird. Nur kann ich das nicht. Denn er geht in den Kindergarten und dort bin ich nicht bei ihm. Er wird in die Schule gehen und auch dort kann ich ihn nicht vor Ärger mit anderen Kindern schützen.

Aber ist das wirklich so schlimm?

Es tut mir in der Seele weh, wenn mein Kind weinend nach Hause kommt und erzählt, dass der X ihm heute gesagt hat, dass er nicht mehr sein Freund sein wird. Am liebsten würde ich X am nächsten Tag auf dem Weg zum Kindergarten auflauern und ihm mal ordentlich meine Meinung dazu sagen. Am besten, bis er heult, damit er mal weiß, wie weh er meinem Kind getan hat.

Merkt ihr den Denkfehler? Ich möchte ein anderes Kind verletzen, weil ich es doof finde, dass es meinem Kind weh getan hat. Irgendwie unlogisch. Aber ganz normal als Löwenmama.

Andererseits geht es meinem Kind inzwischen – während ich mich noch in Rachefantasien ergehe – schon wieder gut. Er spielt friedlich und berichtet nebenbei, dass der Tag im Kindergarten doch eigentlich ganz toll geweisen sei. Und außerdem habe er heute mit dem Y gespielt, der sei jetzt sein Freund und der X sei ja auch doof. Und am nächsten Tag kommt er wieder und sagt, dass der X doch nicht so doof sei, weil sie sich wieder vertragen haben.

Was sagt uns das?

Mir sagt es, dass diese Erfahrung meinem Kind nicht geschadet hat. Im Gegenteil, er hat etwas über Freundschaft gelernt. Nämlich dass man sich streiten und auch wieder vertragen kann. Eine wertvolle Erfahrung, wie ich finde. Die hätte er nicht machen können, wenn ich eingegriffen hätte und meine Rachefantasien umgesetzt hätte.

Unangenehme Erfahrungen als Chance

Und so gibt es viele Situationen, die erst einmal unangenehm für unser Kind sind, an denen es aber – in Nachhinein gesehen – wächst. Und wenn wir uns mal an unsere Kindheit erinnern, so waren es doch oft die Momente, in denen unsere Eltern nicht bei uns waren und uns nicht schützen konnten, die uns am meisten Spaß gemacht haben (ich erinnere mich an Spiele auf der Industriebrache, wo ich eigentlich gar nicht hin durfte) und die uns haben wachsen lassen. Denn viele unangenehme Erfahrungen sind mit Abstand betrachtet oft lustige Anekdoten geworden.

Aber wir müssen unsere Kinder doch schützen!

Sicher müssen wir das. Und ich rede jetzt auch nicht davon, unser Kind vors Auto laufen zu lassen. Aber wir können unseren Kindern einfach nicht alles unangenehme im Leben ersparen. Da sollten wir uns auch entspannen, denn wenn wir uns schuldig fühlen, weil es unserem Kind mal wegen einer unangenehmen Erfahrung schlecht geht, dann hilft das unserem Kind nicht weiter. Wir können unser Kind aber durch unangenehme Erfahrungen begleiten – ohne Schuldgefühle – und ihm helfen, damit fertig zu werden.

Uta
Mutter von zwei, Lehrerin, Stadtmensch

2 Gedanken zu „Wir können unsere Kinder nicht vor allem schützen – und das ist auch gut so.“

  1. Am Liebsten würde man die eigenen Kinder ja vor allem Bösem beschützen, und bei Streitigkeiten und Konflikten wie ein Bodyguard an ihrer Seite stehen. Nur weiß ich aus meinen eigenen Kindheitserinnerungen, dass es nicht gut ist, wenn sich Mütter zu sehr in solche Streitereien unter Gleichaltrigen einmischen. Kinder, die “petzen” gingen waren schnell unten durch. Wir hatten auch eine Schülerin in der Klasse, die ihre Konflikte immer über ihre Mutter klären lies, was bis heute negativ in Erinnerung geblieben ist. Außerdem lernt man durch Konflikte, wie man auf Kritik reagiert und wie man sich selbst verteidigt. Jedoch muss man immer aufpassen, dass man den Grad von “normalen Streitigkeiten” und Mobbing nicht übersieht – denn da sollte man als Elternteil auf jeden Fall eingreifen!

  2. Oh ja. Wie gerne würde ich meinem großen Sohn jetzt in der 1. Klasse auf dem Schulhof beistehen, wenn die Großen ihn mal wieder von der Schaukel verscheuchen und der A. ohne zu Fragen an seine Klebe geht. Aber das geht halt nicht. Da muss er alleine durch. Und ich sehe ja, wie er an solchen Situationen auch wächst.
    Zuhause versuche ich ihm den Rücken zu stärken. Mit ihm Strategien zu besprechen wie er sich verhalten kann.

    Und zum Glück überwiegen ja die positiven Erlebnisse.

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