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Überlebensstrategie: Tragen!

Die Tage macht der Artikel von gluecklichscheitern die Runde, in dem es um das Tragen ging. Ob es wirklich so gesund wäre, so evolutionär vorgegeben und warum den Müttern denn bitte zusätzlich immer noch mehr (also: auch das permanente Tragen) aufgebrummt würde.

Sie sagt in ihrem kurzen Beitrag selbst, dass sie nur wenig Ahnung von der Materie hätte, aber mit diesem absoluten Anspruch „Trag das Kind!“ unzufrieden wäre. Kann ich verstehen. Tagtäglich mehrere Kilo Baby durch die Gegend zu tragen IST anstrengend. Da können Tragetuch und Tragehilfe noch so gut sein – es bleibt anstrengend. Es bleibt komplex und schwierig, sich in die Materie einzuarbeiten – denn mal ehrlich, wer von uns hatte vor dem eigenen Kind wirklich schon mal ein Tragetuch in der Hand? Wer hat sich mit Anhock-Spreizhaltung und Rundrücken beschäftigt, bevor es beim eigenen Kind ernst wurde? Eben. Katharina von mama hat jetzt keine Zeit hat den Aspekt des Einkaufs von Know-how in die Diskussion mit eingebracht. Fertigkeiten und Wissen in der Kinderbetreuung einzukaufen, das ist für Eltern immer noch ein ungewöhnlicher Weg.

 Überlebensstrategien: Tragen

Es gibt verschiedene Ansätze, um es „richtig“ zu machen. Und ganz vorne dran steht die Frage: Was will die Betreuungsperson denn eigentlich? Annahme: einer der Grundgedanken in der bindungsorientierten Elternschaft ist der, dass Babys Traglinge sind – also am Körper ihrer Bezugspersonen am Alltag teilhaben.Ein weiterer Grundgedanke ist, dass Babys permanent Nähe, Geborgenheit und Schutz durch betreuende Personen brauchen – die Mutter ist hier nicht allein in der Pflicht, obwohl es in unserer Gesellschaft halt oft genug so ist. Die meisten „AP-Eltern“, die ich kenne, tragen ihre Kinder. Nicht ausschließlich, nicht überall – aber durchaus häufig und gern.

Die Gründe dafür? Ich kann mir einige vorstellen, beispielsweise

  • Ich will in Ruhe arbeiten – mit meinem Kind ganz dicht an mir
  • Ich habe viel zu erledigen und kann nicht dauernd das Kind irgendwo festschnallen, raus- und reinheben
  • Ich brauche freie Hände für meine Arbeit
  • Ich will das Baby weder ablegen noch meine Arbeit unterbrechen (Stichwort: schlechtes Gewissen wegen Erwerbstätigkeit)
  • Ich will die Zeit aufholen, die mein Baby bei Tagesmutter/Krippe verbracht hat, während ich arbeiten war
  • … (fällt euch noch mehr ein?)

Alltag mit zwei kleinen Kindern, wie ich ihn selbst erlebt habe:

Baby im Tuch, während das große Kind essen möchte.

Baby im Tuch und mit dem großen Kind zur Kita laufen, dort die Hände frei haben zum Kind ausziehen, verabschieden… später wieder anziehen, nach Hause laufen.

Großes Kind in den Schlaf begleiten mit kleinem Kind auf dem Rücken. Auf dem Gymnastikball.

Mit Baby und Kleinkind einkaufen gehen – notfalls das Kleinkind durch den gesamten Laden verfolgen können, ohne den Kinderwagen irgendwo stehen lassen zu müssen – weil das Baby eben dicht am Körper ist.

Die wunderbare Raphaela von Herzensbindung (Trageberaterin in München) zeigt immer mal wieder Einblicke in ihren Familienalltag. Wunderschöne Bilder die beschreiben, wie Alltag mit mehreren kleinen Kindern funktionieren kann.

Alles davon lässt sich auch anders lösen. Ich kenne Familien, die haben einfach eine Decke auf den Tisch gelegt – Baby liegt drauf und guckt, während die Eltern dem größeren Kind ein Brot schmieren. Oder alle gehen gemeinsam ins Bett. Es gibt Federwiegen, wenn Babys nur schwer in klassischer Form in den Schlaf finden und Bewegung zum einschlafen brauchen. Der Gymnastikball hat uns beim zweiten Kind oft den Abend gerettet.

Baby tragen kann jede(r)

Das ist jetzt plakativ. Was ich meine, ist: Es muss nicht die Mutter sein. Die Mutter ist nicht die Einzige, die ein Baby oder Kleinkind tragen kann. WENN sie die Einzige ist, dann oft aus einem Grund:

  • Weil sie eh im Alltag allein mit dem Baby ist

DAS ist der Punkt, warum AP beziehungsweise permanentes Tragen irgendwann schlaucht. Den Einen mehr, den Anderen weniger – aber ich kenne tatsächlich keine bindungsorientiert begleitende Mutter, die nicht irgendwann vor mir stand und meinte:

Nur einmal alleine auf die Toilette, nur 2 Stunden OHNE jeden Körperkontakt, ohne das jemand an mir klebt, etwas von mir möchte, mich fordert.

Menschen können durch mangelndem Haut- und Körperkontakt krank werden. Menschen können aber auch überreizen, wenn sie permanenten Körperkontakt aushalten (müssen). Es liegt an der Umgebung eines jungen Elternpaares, für Ausgleich zu sorgen. Hier sind die Partner, Freunde, Verwandte gefordert, um die Bedürfnisse des Babys nach Körperkontakt und Nähe und den Wunsch der Mutter, sich mal eben zurückzulehnen, zu erfüllen.

Lieblingsratschlag: „Dann trag halt das Baby“.

Ja, ich gebe diesen Vorschlag auch oft weiter. Mir hat das Tragen meines Babys bei einem fast-Schreikind mit Ablegeaversion das Leben gerettet (und ihr wahrscheinlich auch!). Nichts hätte ich mehr tun können, hätte ich die Große nicht tragen können – denn der Kinderwagen war ihr verhasst. Es ist außerdem bei Ratgebenden oft die pragmatische Annahme, dass es eh niemanden sonst gibt, der das Baby übernehmen könnte. Und dann, unter dieser Prämisse, ist das Tragen am Körper eine Alltagserleichterung. Punkt. Und damit macht dieser Ratschlag eben auch Sinn, denn er geht von Folgevorteilen aus:

  • Baby am Körper getragen bedeutet Hände frei für alles, das erledigt werden muss
  • Baby am Körper bedeutet in der Regel, zeitlich flexibler zu sein (Einkauf, Haushalt, Behördenkram…)
  • Baby am Körper bedeutet, automatisch die Bindung zu stärken – Haut an Haut ist ideal dafür, egal wie erschöpft Mama in dem Moment auch ist

Was leider oft vergessen wird: Die Mutter zu fragen, was genau sie braucht. Entlastung vom Alltag? Weniger statt mehr Hautkontakt? Die berühmten freien Hände? Freie Sicht, um das große Kind zu umsorgen?

In der bindungsorientierten Elternschaft sind kindliche und elterliche Bedürfnisse nicht gleichrangig, sie werden gewichtet. Neugeborene gehen vor. Immer. Überall. Je älter das Kind wird, desto eher sind seine Bedürfnisse auch Wünsche. Dann kann abgewogen werden, welches Bedürfnis tendenziell und aktuell wichtiger ist: Das Bedürfnis des Kindes nach Körperkontakt und dem Getragenwerden – und dem Wunsch der Mutter, jetzt eben mal niemanden am Körper zu haben, jetzt mal nicht zu tragen. Elterliche Bedürfnisse dürfen nicht permanent ignoriert werden – sie sind wichtig und wertvoll in der Eltern-Kind-Beziehung.

Kind tragen und arbeiten

Hier kenne ich mittlerweile mehrere Szenarien. Als Webworker mit Homeoffice arbeite ich mit Baby in der Regel am Schreibtisch beziehungsweise mit PC/Laptop. Bevorzugt: Tragen mit Tragetuch. Wichtig dabei: Knoten entweder nach vorne holen oder Bindeweisen vorziehen, die den Knoten gleich nach vorne legen (Känguru); Sling ist bei Neugeborenen praktisch. Tragehilfen waren mir persönlich schlicht zu unbequem, um im Chefsessel am Rechner zu arbeiten. Wenn das Kind Bewegung braucht beim Schlafen: Statt Chefsessel Gymnastikball benutzen. Funktioniert nicht für Stunden, weil die Lehne für den elterlichen Rücken fehlt – aber es funktioniert.

Eine selbstständige Näherin zieht es vor, das Baby auf den Rücken zu packen – damit sie dichter an ihre Werkstücke und die Nähmaschine kommt.Für mich ist das eine spannende Erfahrung, denn als Schreibtischtäter benötige ich eher die Lehne zum Anlehnen – da wäre das Baby auf dem Rücken unpraktisch. Dafür habe ich bei kleinem Baby kein Problem damit, wenn es weiterhin auf meinem Bauch schläft.

Alles, was mit körperlicher Bewegung einhergeht, ist mit Baby auf dem Rücken in aller Regel praktischer. Meint vor allem auch den berühmt-berüchtigten Haushalt. Klar kann ich mit Baby vor dem Bauch auch Wäsche aufhängen oder den Boden wischen – aber ergonomisch ideal ist das nicht. Ergonomischer ist der Transport von Babys auf dem Rücken eines Erwachsenen. Sowohl für das Baby als auch für den Erwachsenen. Das geht mit dem Tuch problemlos ab Geburt.

Nebeneffekt beim Tragen auf dem Rücken: Der Aufmerksamkeitsfokus verschiebt sich. Vom Baby weg auf die vorliegende Arbeit. Wer von der permanenten Nähe überreizt ist, das Baby aber tragen muss*, kann den Wechsel auf den Rücken probieren – oft erleichtert das bereits etwas und nimmt das Gefühl der permanenten Verfügbarkeit.

*meint: Schreibaby; Baby, dass sich nicht ablegen lässt; und so weiter und so fort

Wenn Tragen (nicht) mehr geht

Manchmal geht das Tragen nicht. Ende. Körperliche Gründe bei der Mutter, Erschöpfung, fehlende Beratung für eine gute Tragevariante.

Dann ist das so.  Es steht niemandem zu, darüber zu urteilen. Im Sinne einer informierten Entscheidung ist es allerdings wünschenswert, sich wirklich mit der Materie zu beschäftigen – also die Gründe für das Nicht-Tragen-können abzuklären.

Alternativen im AP-Sinne?

  • Finde jemanden, der für dich dein Baby trägt – um das Bedürfnis nach Getragen-werden beim Baby zu erfüllen
  • Federwiege, Wiege, Wippe – sind Möglichkeiten, um Babys in Bewegung zu halten zum (Ein-)Schlafen
  • Körperkontakt ist immer gut – auch im Sitzen & Liegen – es braucht weder Tragetücher noch Tragehilfen

 

Welche Erfahrungen habt ihr mit dem Tragen von euren Kindern gemacht – insbesondere, wenn ihr mit Kind arbeitet?


 

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von

Hy, hier schreibt Sabrina. Freiberuflich als Copywriterin anzutreffen, mit Mann, zwei Kindern & Bürohund in enger Gemeinschaft. Feministisch angehaucht, bindungsorientiert & zutiefst sarkastisch. Bekennende #coffeeholic

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