Mauerfall & Osten – das ist Vergangenheit #wendekinderwendeeltern

Da gab es neulich in Der Zeit einen Artikel zum Thema „Frauen aus dem Osten fällt die Karriere leichter“. Ich hatte das auf unserer Facebook Page geteilt.

Und dann kommt heute der Aufruf der Wickelkind-Chefin Petra Schachtner zum Thema Mauerfall und Eltern-sein als „Wendeeltern“. Das sind wir wohl, alle miteinander, irgendwie. Bilder gibt es keine – Fotos von mir aus dieser Zeit sind dünn gesät.

DDR – das ist verschwommen

Meine Erinnerungen an die DDR sind bestenfalls diffus. Ich erinnere mich an wenige Eindrücke. Eine Szene ist mir im Gedächtnis geblieben und wird auch von der Familie gern erzählt:

Mein Vater kommt von der Arbeit, er hat eine Stofftasche in der Hand. Ich begrüße ihn auf dem Flur im DDR-typischen Plattenbau. Mit meiner Kleinkind-Stimme – ich muss irgendwas um die 4 Jahre alt gewesen sein – frage ich klar und überaus laut, ob er wohl wieder Bananen mitgebracht hat – zu sehen waren in der Stofftasche nur Brötchen. Ich erinnere mich an seine leichte Verzweiflung, weil ich so laut und vehement nach Bananen fragte – die er ja auch wirklich gaaaanz unten in der Tasche versteckt hatte. Wissen sollte das natürlich niemand.

Heute ist das undenkbar. Wenn meine Kinder Bananen wollen, dann kann ich jederzeit in einen Laden gehen und welche kaufen. Gut, meistens kaufe ich keine – wir versuchen uns hier ja an regional-saisonal. Aber ich kann, wenn ich will. Und kein Nachbar guckt komisch, wenn ich Südfrüchte, Straußenfleisch oder Kavier kaufte. Diesen Luxus haben wir heute.

Der Mauerfall selbst ist relativ klar: Meine Eltern im heimischen Wohnzimmer, der laufende Fernseher, das Westfernsehen. Das Erstaunen – und ja, auch die Erleichterung, dass das Reisen jetzt endlich erlaubt wäre, dass es jetzt anders werden würde.

Eine weitere Geschichte, kurz nach dem Mauerfall:

Mein Vater, der ganz aufgeregt nach Hause kommt: Ein Autohaus hat aufgemacht. Autos, direkt zum mitnehmen – Barzahlung und los. Keine 15 Jahre warten, bestechen und überteuert aufkaufen. Sondern: hingehen, Geld auf den Tisch legen und mitnehmen.

Heute fehlt in den Regionen tendenziell eher das Geld – aber damals war das weniger das Problem. Arbeit gab es – aber keine Waren, um das verdiente Geld wieder auszugeben.

Osten – im Kopf, im Herzen, im Bauch

Im Osten aufzuwachsen ist für einen „Ossi“ keine Kunst. Das ist halt so, es ist in Ordnung – gerade, wenn man in einer Kleinstadt aufwächst. Eine meiner Schulfreundinnen kam aus „dem Westen“ – ihre Eltern gaben irgendwann auf und zogen zurück. Richtig warm wurden sie mit „uns“ nicht. Ab und an treffe ich die M. noch – in meinem Kopf ist sie kein „Wessi“ und ich hoffe doch, ich bin in ihrem Kopf kein „Ossi“.

Bei und nach dem Studium im Westen – genauer, im Süden der Republik hängen geblieben. Jetzt lebe ich in der tiefsten bayerischen Provinz. Schön ist es hier. Die Dorfgemeinschaft ist geschlossen, viele freundliche Menschen sind trotzdem da – und denen ist es wurst, ob ich „von drüben“ komme. Wahrscheinlich hilft es, dass mein Mann zwar „Zugereister“, aber doch immerhin Niederbayer ist. Das hilft. Ich achte selbst – ganz unbewusst – auf heimische Dialekte. Obwohl es doch egal ist, ob jemand aus Sachsen, Mecklenburg-Vorpommern oder Brandenburg ist.

Das Ding mit der Elternschaft

Vom Tragen wusste meine Mutter nichts, als ich damit anfing. Ich wurde im Kinderwagen geschoben – oder sollte selber laufen. Dass Kinder womöglich nicht geschoben werden wollen, war meiner Mutter völlig unbekannt.

Dafür hat sie mir – sehr stolz – die gehüteten Glasflaschen übergeben. Daraus wurde ich gefüttert, als es mit dem Stillen nicht klappte. Und auch die Glas-Milchpumpe war mit dabei. Das kleine Foltergerät habe ich aufgehoben – das erzeugte Vakuum ist mörderisch. Dass es da mit dem Stillen nicht klappte – kein Wunder. Die rigiden Vorschriften: „Stillen, abpumpen, nachfüttern“ haben mit Sicherheit auch nicht viel geholfen.

Im Alltag zeigt sich eher ein Generationen– als ein Regionenkonflikt. Töpfchentraining, selber laufen und alleine schlafen kamen sowohl von der Schwiegermutter (Westen) als auch von der eigenen Mutter (Osten) auf den Plan.

Selbstverständlich Arbeiten gehen

Einen Punkt allerdings gibt es: Die Selbstverständlichkeit des Arbeiten gehens mit Kind. Wobei meine Schwiegermutter (ihr erinnert euch: Westen!) des fehlenden Geldes wegen selber nach 8 Wochen in den Beruf zurück gegangen ist. Von ihr bekam ich also Rückendeckung, als ich „schon“ ein Jahr nach Geburt von Kind 1 wieder anfing zu arbeiten. Das bisschen Uni im ersten Jahr hat keinen so recht interessiert, aber dass das Töchterlein mit einem Jahr in die gerade eröffnete Krippe ging, gab dann doch einige Kommentare.

Und das blieb auch so. Für mich ist es immer noch normal und selbstverständlich. Drei Jahre sind für mich eine gefühlte Ewigkeit. Ich kann mir – noch immer – nicht vorstellen, mich ausschließlich und nur um die Kinder zu kümmern.Das stößt manchmal auf Unverständnis – diese meine Selbstverständlichkeit, arbeitende Mütter als selbstverständlich zu sehen.

Ähnliche Selbstverständlichkeiten erlebe ich bei Frauen, die hier in der bayerischen Provinz aufgewachsen sind – aber mit dem Kernpunkt, dass sie sich eine Erwerbsarbeit vor dem 3. Geburtstag ihrer Kinder nur schwer vorstellen können. Beziehungsweise, eine Erwerbsarbeit, die mit der externen Betreuung gekoppelt wäre. Hier herrscht noch viel familieninterne Betreuung – etwas, was mir nicht in der Form zur Verfügung steht.

Meine Mutter ging nach einem halben Jahr Auszeit wieder arbeiten. Sie hätte sogar – ganz untypisch – ein ganzes Jahr (!) Pause gemacht. Tatsächlich herrschte damals so ein Fachkräftemangel, dass meine Mutter von ihrem künftigen Chef angesprochen wurde – ob sie nicht vorher anfangen könne zu arbeiten. In heutger Zeit unvorstellbar, oder? Eine junge Mutter mit 2 Kindern, fremd in der Stadt, ohne Arbeit – wird vom künftigen Chef angesprochen und gebeten, eine neue Arbeitsstelle anzunehmen. Rein über Mundpropaganda – der Chef hatte von jemandem gehört, der von jemandem gehört hatte, meine Mutter wäre die passende Besetzung der Stelle. Meine Schwester hat, bereits zu BRD-Zeiten, verschiedene Jobs angenommen – erst als junge Mutter mit Partner, später Alleinerziehend. Selbstverständlich war es immer, dass sie arbeitete. Daheim bleiben stand nie zur Debatte.

 Mauerfall – Wende – ist das noch wichtig?

Heimat, das ist für mich Brandenburg, flache Landstriche und Alleen. Das hat wenig damit zu tun, ob das nun „DDR“ oder „Osten“ oder gar „Neue Bundesländer“ genannt wird. Das ist unwichtig in meinem Alltag. Als Eltern stoßen wir hier viel eher an Generationen-Grenzen statt an Ländergrenzen. Manchmal ist es auch noch der Punkt, ob jemand eher AP-orientiert agiert – oder traditioneller/konservativer erzieht. In meiner Heimat gibt es ganz genauso viele/wenige bindungsorientiert erziehende Eltern wie hier in der bayerischen Ecke.

Mein Fazit als #wendekind und #wendeeltern: Ich würde nicht in einer Diktatur wie der DDR leben wollen – zu schlimm sind die Dinge, die unter dem Deckmantel des sozialistischen Gedankens geschehen sind. Mein Vater hat über 10 Jahre lang daran gearbeitet, zumindest die Taten der Stasi sichtbar zu machen. Ich bewundere die Menschen, die für die Freiheit aller gekämpft haben.

Ich möchte aber auch nicht unter einem „Label“ laufen, mit dem ich mich nur wenig identifiziere. Ich bin kein Ossi, Uta ist kein Wessi. Wir sind an unterschiedlichen Orten in Deutschland aufgewachsen. Das ist ok – und sagt rein gar nichts darüber aus, wer wir sind und was uns ausmacht. Was uns ausmacht, das sind unsere Taten. Und keine Postleitzahl, keine Länderbezeichnung.


Update 19. Mai 2015: Sonja von Mama-notes hat das Thema im Rahmen ihrer „Finding Europe“ Serie aufgegriffen. Ich schreibe da jetzt keinen neuen Beitrag zu, ich denke, das hier passt auch zu ihren aufgekommenen Fragen recht gut. Also, mehr zum Thema findet sich dann unter #DDRGeschichten beziehungsweise direkt bei Sonja.

Sabrina
Hy, hier schreibt Sabrina. Freiberuflich als Copywriterin anzutreffen, mit Mann & zwei Kindern in enger Gemeinschaft. Feministisch, bindungsorientiert & zutiefst sarkastisch. Bekennende #coffeeholic

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