Jungen in der Genderfalle

Immer wieder lese ich Berichte über die Pinkifizierung der Lebenswelt kleiner Mädchen. Große Kampagnen wie Pinkstinks setzen sich für die Abschaffung sexistischer Werbung und die Rollenzuschreibungen für Mädchen ein.

Aber mir als Mutter von zwei Söhnen fehlt der Blick auf Jungen in der Debatte. Denn auch Jungen leiden unter der Genderisierung und oft mehr als Mädchen.

Beispiel: Farben

Mädchen haben die freie Auswahl. Sie können jede Farbe tragen. Natürlich gibt es die Pinkifizierung und Mädchensachen sind gegendert. Aber immerhin geht die Auswahl über braun, blau und dunkelgrün hinaus.

Beispiel Frisur

Auch hier haben Mädchen mehr Möglichkeiten. Denn auch wenn sie kurze Haare haben, bekommen sie nicht so viele Bemerkungen zu hören wie ein Junge mit langen Haaren. Der wird dann gleich gefragt, ob er denn ein Mädchen sei. Als ob das etwas Negatives wäre.

Beispiel Rollenvorbilder

Jungen haben die Auswahl zwischen Superhelden, Indianern und Fahrzeugen. Auf jeden Fall geht es immer um stark sein, mutig sein, Abenteuer und Kampf. Da ist kein Spielraum für Weichheit, Empathie und Schönheit. Dabei sind das Dinge, die auch Jungen mögen und von denen auch ich möchte, dass meine Kinder sie erfahren dürfen.

Hello Kitty

Dieses Wesen übt auch auf Jungen eine gewisse Faszination aus. Aber wenn sie diese ausleben wollen, werden sie wieder damit konfrontiert, dass dies „Mädchenkram“ sei. Für mich ist dies ein Beispiel für die Diskriminierung von Jungen.

Jungen und Mädchen haben ein Recht auf ungegenderte Umgebung

Denn man kann diese Pinkifizierung auch so sehen. Ich möchte das nicht verharmlosen, ich wehre mich auch gegen diese fürchterlichen Klischees und Rollenerwartungen, die an Mädchen und Frauen herangetragen werden. Aber das betrifft eben nicht nur Mädchen. Auch Jungen sind diesen Erwartungen ausgesetzt. Und auch sie bekommen Lebensentwürfe vorgegeben ohne eine reelle Chance zu haben, die ganze Vielfalt der Möglichkeiten zu erfahren.

Beiden, Jungen und Mädchen wird es verwehrt, ihre Rollen frei zu wählen.

Überraschungseier „nur für Mädchen“

Dies ist einer der Höhepunkte der Genderisierung. Und wenn man diesen Auswuchs konsequent zu Ende denken würde, dann dürfte man diese Überraschungseier „nur für Mädchen“ gar nicht an Jungen verkaufen. Aber das passiert nicht, wie ich bei meinem Sohn erfahren durfte. Dem wurde problemlos ein Ei „nur für Mädchen“ verkauft. Aber vielleicht lag das auch daran, dass er lange Haare hatte und ein Hello Kitty T-Shirt trug.

Einen Verein, der sich der gendersensiblen Arbeit mit Jungen verschrieben hat, gibt es in Österreich: Poika

Ergänzung vom 22/07/2015: Rosa-Blau-Marketing ist gar nicht so schlimm? Wir denken: doch. ICH möchte so ja nicht arbeiten, leben … gemaßregelt werden. Und ihr?

Uta
Mutter von zwei, Lehrerin, Stadtmensch

3 Gedanken zu „Jungen in der Genderfalle“

  1. Für Buben bleibt tatsächlich noch viel zu tun, denn die „Pink Zone“ (also Symbolbild für die sog. „weiblichen Lebensbereiche“) ist ihnen verschlossen.
    Gerade die genannte Organisation „Pinkstinks“ wirbt aber in letzter Zeit mit dem Slogan „Pink für alle!“ – sie ist also vielleicht nicht unbedingt das beste Beispiel.
    Tragisch, dass alles was mit „weiblich“ assoziiert wird, insgesamt immer noch als minderwertig gilt. Da muss ich mich aber selber auch noch an der Nase nehmen…!

  2. Bin sehr deiner Meinung!
    Mädchenförderung war sehr in in den letzten Jahren, die Jungenförderung zieht längst nach. Ich sehe aber beides kritisch, denn je nach Umsetzung sorgt es weiter für Geschlechtertrennung, und der Abgrenzung und auch Abwertung der jeweils anderen „Gruppe“. Gemeinsamkeiten hervorzuheben, bzw. den Augenmerk auf Individualität zu legen kann langfristig etwas verändern.

    (In eigener Sache) deshalb noch meine Buchempfehlung: „Die Rosa-Hellblau-Falle“, die beide Seiten thematisiert (Was macht das Prinzessinnen-Getue mit Jungs, die gern tanzen? Wie geht es weiter, wenn Jungs weiterhin cool sein müssen, wenn Stärke, Mut und Unabhängigkeit als männliche Werte hochgehalten werden…)

    http://ich-mach-mir-die-welt.de/rosa-hellblau-falle/

    vg
    almut

  3. Ich Stimme zu. Auch Jungen befinden sich in der Genderfalle, so wie Mädchen, Männer und Frauen.
    Unsere Gesellschaft ist immer noch so strukturiert, dass klassische Geschlechterbilder die individuelle Entwicklung bestimmen. Es braucht auch für Jungen viel Unterstützung, damit sie den einseitigen Männlichkeitsanforderungen widerstehen können.
    Poika in Wien ist eine wunderbare Organisation, in Deutschland gibt es viele Landesarbeitsgemeinschaften zur Jungenarbeit sowie die Bundesarbeitsgemeinschaft (BAG) Jungenarbeit, die sich mit diesen Fragen beschäftigt
    Diese betreibt auch das Projekt http://www.meinTestgelaende.de wo Mädchen und Jungen zu Genderthemen Beiträge posten.
    Auf Facebook gibt es dazu die Fachgruppe „Geschlechtersensible Pädagogik“
    Zudem gibt es den Blog: blog@meintestgelaende.de

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