Komfortzonenwechsel

Im Feminismus fällt der Begriff öfter mal: Komfortzone. In der Regel wird auch gleich drauf hingewiesen, dass die Komfortzone gewechselt oder verlassen werden müsse. Und in der Regel sind die Männer damit gemeint, die doch ihre Komfortzone verlassen sollen.

Komfortzone ist keine Einbahnstraße

Aber, so leid es mir tut: Die Komfortzone ist eben keine Einbahnstraße. Es geht nicht nur darum, lediglich Andere aus ihren Ruhebereichen zu locken. Sondern vor allem und insbesondere geht es darum, selbst auch den eigenen gemütlichen Bereich zu verlassen und sich an neue Aufgaben zu wagen. Wir stoßen hier oft an kulturelle und gesellschaftliche Grenzen (siehe: maternales Gatekeeping und paternales Vollpfosting).

Was steckt hinter der Komfortzone?

Ein Beispiel, um das Ganze zu verdeutlichen:

Berufstätige Frau mit Familie. Sie erhält das Angebot, für einen besser dotierten Job den Arbeitsplatz zu wechseln. Erwartet werden dabei durchaus auch Reisetätigkeiten und (moderates) Arbeiten am Wochenende. Die Frau sagt ab, sie könne die Betreuung der Kinder nicht gewährleisten.

Und wie es so ist, in unserer Filterblase kommt dann häufig genug der Gedanke auf: “Dann muss halt der Mann aus der Komfortzone raus, seine Arbeitszeiten ändern, die Kinder übernehmen.” Zu kurz gedacht. Denn: Was ist denn, wenn die Frau die bisherige Komfortzone der vertrauten Arbeitsstelle nicht verlassen mag – und letztlich die Verantwortung der fehlenden Kinderbetreuung, den Arbeitszeiten des Mannes usw. usf. zuschiebt?

Ich meine nicht die Frauen, die in der aktuelle Situation glücklich sind – und zwar genau so, wie es ist. Ich meine die Momente, wenn man ganz deutlich spürt, dass hier mehr erreicht werden kann und soll – und dann die äußeren Umstände Schuld sein sollen. Wie in dem Beispiel: Für die Frau ist das Verlassen der Komfortzone dann erreicht, wenn sie die Verantwortung über die Kinder mehrfach in der Woche abgeben müsste – weil sie auf Reisen ist. Wenn die Familienorgansiation deutlich anders verteilt sein müsste. Wenn sie sich auf neue Anforderungen (Reisen, Projekte, höhere Verantwortungen) einstellen muss. Das kann Angst machen, das kann überfordern.

Und wer seine derzeitige Komfortzone so mag wie sie ist, macht sich wahrscheinlich auch keine Gedanken darüber.

Kennt ihr ein entsprechendes Beispiel für einen Mann?

Bascha Mika hat das Komfortzonenthema in ihrem “Die Feigheit der Frauen” auf den Punkt gebracht. Wobei ich nicht so weit gehen würde, allen Frauen generell so eine Feigheit zu unterstellen. Und Frau Mika lässt den Leser leider ohne Antworten zurück. Legt den Finger auf die Wunde, drückt zu – aber auf die Antworten muss dann jeder selbst kommen.

Komfortzonenwechsel – traut euch!

In unseren Beziehungen zu unseren Kindern leben wir das vor: Vorbild sein. Kinder machen uns eh alles nach, da können wir auch gleich die für uns richtigen Sachen vor machen. Also auch mal etwas übernehmen, dass uns Angst macht, dass uns abschreckt (Steuer, TÜV, Winterreifenwechsel?!) oder uns nicht liegt.

Komfortonenwechsel heißt nicht, dass jemand mit Höhenangst nun plötzlich Wolkenkratzerfenster putzen soll. Sondern, dass wir uns auch über unsere eigene Komfortzone hinaus bewegen – privat und beruflich.

Raus aus der Komfortzone bedeutet aber sehr wohl, sich bewusst zu machen: Eigene Ängste stehen uns viel häufiger im Weg als ungünstige Kinderbetreuungszeiten. Ändern können wir vor allem und erstmal uns selbst. Und dann alles drumherum. Es erfordert ziemlichen Mut, eigene Befürchtungen beiseite zu wischen und den Sprung ins kalte Wasser (meint: den Vollzeitjob, den Job mit Reiseanteil, die auf-Abruf-Variante usw. usf.) zu wagen. Vielleicht behalten wir uns das bei Gesprächen mit anderen Eltern im Hinterkopf, wenn diese von ihrem beruflichen Weg berichten.

Sabrina
Hy, hier schreibt Sabrina. Freiberuflich als Copywriterin anzutreffen, mit Mann & zwei Kindern in enger Gemeinschaft. Feministisch, bindungsorientiert & zutiefst sarkastisch. Bekennende #coffeeholic

3 Gedanken zu „Komfortzonenwechsel“

  1. Danke für diese Gedanken!

    Mit zwei kleinen Änderungen in der Alltagssprache kann man die wunden Punkte ganz schnell herausfiltern:

    1. das nicht-Wort “eigentlich” ersatzlos streichen
    2. würde-hätte-möchte durch “ich will” bzw. “ich will nicht” ersetzen

    Als ich so angefangen habe, sind mir ganz viele Dinge ganz schnell klar geworden.

    1. Jap. Gute Anregung, danke!
      Was das Streichen von einzelnen Wörtern aus Wortschatz UND Gedanken so alles bewirken kann, ist schon der Wahnsinn oder?

      Aus dem “eigentlich” könnte ich mal noch einen Unwort-Beitrag machen (wie für “Fremdbetreuung” und “müssen”)

  2. Hallo, ich finde die Gedanken zur Komfortzone sehr interessant. Ich habe selbst nach einer jeweils einjährigen Elternzeit mit meinen beiden Kindern wieder Vollzeit gearbeitet und lange Zeit auch nebenberuflich promoviert. Oft wurde dazu anerkennend genickt, es schwang aber noch öfter dauch die Frage mit, wer in der Zeit meine Kinder betreut. Als gäbe es meinen Mann nicht oder als könnte er das nicht genauso kompetent und liebevoll wie ich als Mama. Manchmal kam auch die Frage dabei auf, wozu ich dann Kinder habe und ich gebe zu, ich hatte dann selbst viel zu häufig ein schlechtes Gewissen, weil ich nicht so präsent bin wie es andere Mütter vielleicht sind. Letztlich habe ich aber die Erfahrung gemacht, dass es meinen Kindern gar nicht groß auffiel, wenn ich früher zu Hause war oder sie vorzeitig aus der Kita abgeholt habe. Sie mögen ihren KiTa – Tag und wollen nicht unbedingt früher weg. Und ansonsten nutzen wir die Zeit abends, an den Wochenenden, in den Urlauben etc. intensiv zusammen. Jetzt bin ich zum dritten Mal im Mutterschutz und bald in der Elternzeit. Mal sehen, wie ich unser Leben dann mit drei Kindern gestalten werde und wo dann meine Komfortzone liegt. 🙂

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