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Gedanken zur Heimat

Spott und Häme für den designierten Bundesinnenminister – und baldigen „Heimatminister“ Horst Seehofer nach der Bekanntgabe seines neuen Postens gab es reichlich. Aber jenseits aller Verwunderung über ein „Heimatministerium“ ist es doch mal ganz gut, über „Heimat“ nachzudenken.

Mein erstes Gefühl zur Tagesnachricht der Ministerpostenverteilung war: „Pah, ein Heimatministerium. Ein DIGITALministerium brauchts, was fangen die denn jetzt mit diesem Mist an?!“

Daran hat sich, auch nach ein paar Tagen drüber nachdenken, nicht viel geändert. Zu verstaubt und rückständig scheint der Begriff Heimat. Und die Personalie Seehofer als CSU-Mann erst recht. So geht es ja einigen anderen auch. Es hat mir trotzdem keine Ruhe gelassen, dieses neu zu schaffende Ressort auf Bundesebene. Also habe ich ein bisschen gewühlt und nachgelesen.

Wer das mit der #groko verpasst hat, im Grunde ging das so:

CDU/CSU und SPD haben sich soweit geeinigt, Posten verteilt und den Koalitionsvertrag aufgesetzt. Was jetzt fehlt, ist NUR NOCH die Urabstimmung der SPD-Mitglieder. Die haben es ja eigentlich gar nicht so sehr mit der #groko. Aber das … werden wir noch sehen.

Was heißt hier eigentlich „Heimat“?

Wikipedia ist jetzt nicht die schlechteste Quelle für einen ersten Einstieg, und diese umfassende Datensammlung sagt:

Der Begriff Heimat verweist zumeist auf eine Beziehung zwischen Mensch und Raum. Im allgemeinen Sprachgebrauch wird er auf den Ort angewendet, in den ein Mensch hineingeboren wird und in dem die frühesten Sozialisationserlebnisse stattfinden, die zunächst Identität, Charakter, Mentalität, Einstellungen und Weltauffassungen prägen. (Wikipedia)

Im Grunde ist das aber zu kurz gegriffen, denn Heimat kann

  • geistiger und religiöser Natur sein
  • räumlich und/oder zeitlich bezogen sein
  • an wirtschaftliche Bedingungen verknüpft sein
  • losgelöst von materiellen Bedingungen vor allem an Personen verankert werden
  • verloren/neu gefunden/aufgebaut/verteidigt werden

Der Begriff „Heimatschutz“ ist in NS-Zeiten und im Rechtsextremis (nachvollziehbarerweise) beliebt – und negativ aufgeladen. Hier schwingt die Angst um „Bodenverlust“, um „Überfremdung“ und allem Unbekanntem mit. Wer Heimatschutz betreibt, verteidigt Kultur, Land und Bio-Deutsche. Die Bundeswehr muss mit diesem Begriff allerdings  ebenfalls arbeiten:

Heute bildet der Heimatschutz einen Aufgabenbereich der gesamten Bundeswehr, insbesondere ihrer Regionalen Sicherungs- und Unterstützungskräfte, und umfasst Verteidigungsaufgaben auf deutschem Hoheitsgebiet sowie die Amtshilfe in Fällen von Naturkatastrophen und schweren Unglücksfällen, zum Schutz kritischer Infrastruktur und bei innerem Notstand. (Wikipedia)

Heimat ist also – irgendwie, ganz lose betrachtet – irgendwas mit Kultur, Sprache, Tradition und den Menschen, die einem wichtig sind.

#heimat für Nordlichter

Nun ist das in Deutschland, diesem per se zersplittertem Förderalismusvertreter, nicht ganz so einfach. Die Mauer ist jetzt länger weg, als sie stand, aber getrennt wird sprachlich und geistig noch immer nach „Ossi“ und „Wessi“.

Der „Weißwurst-Äquator“ ist real und echt, Plattdeutsch und Bairisch sind zwar anerkannte Sprachen, aber kaum einer kann sie noch. Ich kann beides verstehen (also, so einigermaßen, ne), aber keine davon sprechen. Macht mich das jetzt „heimatverbundener“ oder nicht?

Dafür hat sich die Jugend eine einheitliche „Sprache“ geschaffen, die über sonstige Sprachbarrieren hinweg eine einheitliche Front schafft – gegen Erwachsene, die mit „I bims“ und „vong Verständnislosigkeit her“ nicht mehr zurecht kommen. Wir haben Hipster mit Bart und Karohemd, die digital im Berliner Cafè arbeiten und Landfrauen, die ihre Gemüsesorten nach dem Mondkalender ausgerichtet einpflanzen. Biologische Stadtimker und Großbauern, denen der Tierschutz mehr lästiges Übel als sinnvolle Pflicht ist. Großstadtbewohner die in ihrem Kiez alles zu Fuß erreichen und Pendler, die für den Arbeitsweg 3h einplanen – täglich, einfach.

Wir definieren, was #heimat ist!

Alle brauchen unterschiedliche Voraussetzungen, um sich „daheim“ zu fühlen. Jeder hat andere Prioritäten. Andere Wünsche. Unterschiedliche Erwartungen daran, was der Staat, die Kommune, die Stadtverwaltung…. leisten sollte, damit er „gut und gerne leben“ kann.

Was macht so ein „Heimatministerium“?

Tatsächlich gibt es bereits einige auf Landesebene. Das in Nürnberg deckt in Bayern folgendes ab:

Landesentwicklung und Breitbandausbau – das sind die zentralen Aufgaben des Heimatministeriums in Nürnberg.
(Bayerisches Staatsministerium)

Dann gibt es noch eins in Nordrhein-Westfalen:

Ziel der neuen Landesregierung ist es, Heimat zu stärken. Denn wo das Heimatgefühl stark ist, fühlen sich Menschen wohl und sicher.
(Ministerium für Heimat, Kommunales, Bau und Gleichstellung NRW)

Was Seehofer übrigens selber sagt:

„Wenn Sie das Netz anschauen, dann meint man jetzt wieder, es geht um Lederhosen und Dirndl“, sagte er am Donnerstag vor einer CSU-Vorstandssitzung in München. „Das auch – um die Kultur. Aber es geht natürlich um die gleichwertigen Lebensbedingungen in allen Regionen Deutschlands. Es geht um die richtige Dorfentwicklung, die Städteentwicklung, verbunden mit dem Wohnungsbau.“ (Handesblatt)

#heimat als Straßenausbau – oder als Gefühl?

Hmm. Damit ist jetzt irgendwie nicht so richtig was mit anzufangen. Nochmal eine Runde zurück zum Heimatbegriff. Der Publizist Schüle hat letztes Jahr ein Buch herausgebracht, natürlich zum Thema Heimat.

Seine These: „Über Heimat spricht man dann, wenn sie einem verloren geht. Und ich glaube, dass es in den vergangenen Jahren einige Heimatverluste gegeben hat.“ Die klare Bipolarität von Ost und West, Kommunismus und Kapitalismus sei weg, durch die Computerisierung und die Globalisierung verschwinde ein bisschen die deutsche Sprache durch immer mehr Englisch. „Und in den ländlichen Räumen, egal ob in Baden-Württemberg oder Mecklenburg-Vorpommern, gingen Gasthäuser verloren, Buslinien wurden eingestellt, Clubhäuser, Vereinsräume: Dann entsteht so das Gefühl, selber weniger wert zu sein.“ Etwa auch, wenn immer öfter Postämter, Bankfilialen oder Bars und Stammkneipen geschlossen werden. (Handesblatt)

Daher kommt das also? Also wird sich das künftige Ressort „Heimat“ auf Bundesebene um all diese Sachen kümmern, die aktuell Gemeinde-/Kommunen-/Ländersache ist – aber eben für ungleiche Lebensbedingungen in Deutschland sorgt?

Naja, bedingt:

„Etwas“ ironisch ist das ja schon, dass gerade die Partei künftig das Heimatressort hinter sich versammelt, die sowohl die Flüchtlingsobergrenze forderte als auch gezielt (bereits integrierte) Flüchtlinge (die sich, wenn man so will, mit Ausbildungsplatz und Sprachkenntnissen, Wohnung und Freundeskreis eine Heimat schaffen wollten), abschiebt (hier, hier und hier beispielsweise).

Alltäglicher Anblick auf demLand: #geschlossen!

Großartig!

Sieben Forderungen ans „Heimatministerium“

Dann, liebe künftigen Ressortverantwortlichen:

  1. Schafft einheitliche Kindertageskosten, unabhängig vom teils desolaten kommunalen Finanzlagen. Naja, noch besser: Schafft die Kinderbetreuungskosten ab. Das würde die #vereinbarkeit und die Lage unzähliger Familien auf einen Schlag verbessern!
  2. Schafft einheitliche Lösungen für (Grundschul-)Kinder, was sowohl die Qualität der Lehre (Stichwort: Lehrermangel) als auch die Betreuung in schulfreien Zeiten (Stichwort: offener Ganztag & KOSTEN) angeht. Es kann doch nicht sein, dass man im Landkreis A kostenfreie Ganztagsbetreuung anbieten kann – und Landkreis B kostet dann pro Ferienwoche 200,-€ ohne Essen pro Kind?!
  3. Weitet den ÖPNV wieder aus. Auch dann, wenn nur ein paar Hanseln von Dorf Klein-Muggele nach Städtchen Hanswurscht müssen. Und zurück. Wenn ihr gleich dabei seid: Unterstützt die Kommunen dabei, bezahlbare Schulbuslinien einzuführen, um kleinere Dorfschulen zu erhalten. Und macht das so, dass Grundschüler morgens nicht stundenlang in zu großen Bussen über unzählige Dörfer tingeln müssen. Dann kann das Gemoser über überbehütende Helikoptereltern vielleicht wieder aufhören, weil „zu viele Grundschulkinder bis vor die Schule gefahren werden.“
  4. Baut endlich das Breitband-Internet aus! Ohne stabile, flächendeckende (!) Netzangebote keine flexiblen Arbeitslösungen im ländlichen Raum, kein digitales Wachstum. Und wenn ihr schon dabei seid, überlegt doch mal, wie sich moderner Arbeitsschutz und Bürokratieabbau für die sich veränderne Arbeitswelt anpassen ließen. Vielleicht in Zusammenarbeit mit den anderen Ministerien, nachdem es ja immer noch kein Digitalministerium gibt.
  5. Fördert den dörflichen Mindeststandard: Bank-Automat, Postkasten/Paket-Kiosk, Bäcker/Getränkelieferant. Gerade ältere Menschen sind teils von diesen völlig normalen, wichtigen Versorgungsstellen abgeschnitten. Weil: Busse fahren ja großteils keine mehr! Wie wärs beispielsweise mit Dorfhelfern, die gesammelt Apothekenbestellungen ausliefern? Oder Gründungszuschüssen für Dorfläden?
  6. Baut das Netz an medizinischer Versorgung wieder aus. Hebammen, Dorfhelfer, Fachärzte im erreichbaren 50km-Umkreis – es hakt an allen Ecken und Enden. Schön, wenn ich im ländlichen Bayern binnen 3 Wochen einen Facharzttermin habe. Weniger schön, dass beispielsweise  meine Eltern im ländlichen Brandenburg 6 Monate (!) – oder mehr – warten müssten.
  7. Macht „Heimat“ möglich: Für Zugereiste und Eingewanderte, für Geflüchtete und Abenteurer, für Studenten und Touristen. Das funktioniert NICHT mit „hier wird Deutsch gesprochen, passt euch an“, sondern mit offenen Dialogen – auch in Fremdsprachen. Die Polizei in NRW hats zum vergangenen Silvester in Köln vorgemacht. 

Könnt ihr das machen? Prima, danke!

4 Kommentare

  1. Luisa Merlgoing sagt

    Zitat: „Wer Heimatschutz betreibt, verteidigt Kultur, Land und Bio-Deutsche“. Genau – und das ist auch überaus legitim, denn den Deutschen gehört nun mal dieses Land hier (wem sonst?) und die Verteidigung gegen Überfremdung sowie das Vorgehen gegen das Abschaffen der deutschen Kultur sind überfällig. Im Osten des Landes hat man das begriffen und dort wird es definitiv auch eine Umkehr geben. Diejenigen, die Kinderehen, die täglichen Grapschereien und Messerstechereien befürworten, sollten deshalb in „Helldeutschland“ bleiben, gern mit den ganzen Fremden und illegal Zugewanderten. Man wird über die Jahre sehen, welcher Teil Deutschlands der lebenswertere ist. Kein Zufall, dass derzeit die Makler in Mitteldeutschland – vor allem im ländlichen Raum – vor Anfragen Wesdeutscher, die genug vom traumtänzerischen Multikulti haben, nicht retten können.

    • Luisa,

      da haben wir grundverschiedene Sichtweisen. Ich bin sehr gerne im „traumtänzerischen Multikulti“ unterwegs und erlebe das als große Bereicherung. Die Entwicklung in meiner brandenburgischen Heimat (ha, da ist der Begriff ja wieder!) verfolge ich mit sehr, sehr großer Sorge.

  2. Deine FOrderungen gefallen mir sehr gut! Als Mutter eines Kindes mit Downsyndrom würde ich natürlich die Forderung nach Inklusion auch noch dazunehmen – denn auch Menschen mit Behinderung brauchen einen Platz in ihrer Heimat. Ich musste auch schlucken, als ich vom Heimatministerium hörte – und bin gespannt, was daraus wird!

    • Das stimmt, Inklusion gehört mit dazu. Naturschutz auch, hat die Nina auf Facebook angemerkt, und auch das stimmt ja – vielleicht weite ich die Forderungen noch deutlich aus.

      In Regensburg wird eine (von 17 in ganz Bayern!) „Toiletten für alle“ geplant – für Mehrfach-Körperbehinderte plus Begleitpersonen, beispielsweise. In Berlin kommt man ja oft im ÖPNV nicht weiter, weil Lifte fehlen und Treppen behindern. Und in den Schulen, Kindergärten und Kindertagesstätten steht man beim Thema Inklusion auch oft hilflos da, weil entweder die Betreuung fehlt oder der Wille, für jeden einzelnen Menschen mit seinen speziellen Anforderungen Platz zu schaffen :-/

      Da ist ganz, ganz viel Luft nach oben, um Teilhabe wirklich machbar und möglich zu machen.

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