Die CSU macht #dieOrdnung zum Programm

Familienpoltik soll Familien fördern. So eine platte Einleitung, oder? Na klar muss Familienpolitik das machen. Was denn sonst? Jaha, das dachte ich auch. Und dann verabschiedet die CSU auf ihrem Parteitag einstimmig ein „richtungsweisendes“ Grundsatzprogramm #dieOrdnung und ich bin irgendwie zurück im Jahr 1938. Da will ich aber gar nicht sein!

Mit dem Hashtag #dieOrdnung wird groß auf Twitter mit gesponsertem (=bezahltem!) Inhalt geworben für das Grundsatzprogramm. Man beachte: glückliche Familie im Zentrum mit wenigstens 3 Kindern. Vielleicht ist die hübsche Frau sogar schwanger. Beide natürlich weiß, natürlich Mann und Frau. Der Himmel spannt sich darüber in weiß-blau mit Wölkchen, es gibt Blümchen und ungetrübte Natur samt Bächlein und Bergen. Das lila Blümelein da am Rand, ist das Enzian? Ich hab ja leider keine Ahnung von Botanik, aber passen würde es.

#dieOrdnung
Screenshot der Webseite für das Grundsatzprogramm

Die fragwürdig-idyllische Webseite dazu lässt mich an meine Mediengeschichte-Vorlesungen denken und daran, wie wir den Aufstieg des NS-Regimes anhand medialer Mittel nachvollzogen haben. Bildstarke Veröffentlichungen und sorgfältig komponierte Bildwelten waren damals ja ganz neu und in ihrer Wirkung berauschend.  Wie man sieht, sie wirken auch heute noch.

In der Realtität kann es natürlich genauso aussehen, Bayern ist absolut wunderschön. Es gibt diese idyllischen Bergregionen, es gibt die zufrieden lächelnden Paare mit mehreren Kindern, die glücklich durch die Natur schlendern. Es gibt Gemeinden, die wahnsinnig viel Geld in Familienfreundlichkeit investieren, bspw. indem die Kinderbetreuung massiv bezuschusst wird, Schulbusse kostenfrei fahren usw. Das gibt es. Es ist Realität und für die meisten Familien dürfte Bayern ein kleines, wundersames Disneyland sein, immerhin leben 98% der befragten Bayern gern hier! Sagt die CSU.

#dieOrdnung im Detail: Familienförderung, wie sieht die aus?

Nun, das Grundsatzprogramm ist einstimmig beschlossen. Einstimmig! Und weil das so toll ist, gibt es eine riesige neue schicke Webseite (bisserl langsam, viel los heut auf dem Server, oder?) und ein bisschen interaktives Chi-Chi und jede Menge Inhalte. Also: Parteiinhalte. Also: „Inhalte“.

Beispielsweise so:

In vollem Zitat heißt es sogar (Hervorhebungen stammen von mir):

Heiraten heißt Übernahme von Verantwortung füreinander. Wenn sich zwei Menschen das Versprechen geben, ein Leben lang füreinander einzustehen, ist das für die Gesellschaft wertvoll. Die Ehe von Mann und Frau steht zurecht unter dem besonderen Schutz des Staates. Wir wenden uns gegen jegliche Relativierungsversuche. Das Ehegattensplitting muss uneingeschränkt erhalten bleiben. Wir wollen es ergänzen um ein Kindersplitting. Auch in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften werden Werte gelebt, die grundlegend für unsere Gesellschaft sind. Das verdient Anerkennung. Es ist richtig, dass der Staat mit der eingetragenen Lebenspartnerschaft eine eigene Institution dafür vorhält. Jegliche Form von Diskriminierung gegenüber diesen Partnerschaften, auch die personenstandsrechtliche, lehnen wir entschieden ab.

Und so ist Familienförderung auch gemeint:

Eine Gesellschafts- und Bildungspolitik, die Gender-Ideologie und Frühsexualisierung folgt, lehnen wir ab.

Natürlich wird relativiert an allen Ecken und Kanten, so würden auch gleichgeschlechte Partner verantwortungsvoll agieren und auch Lebenspartnerschaften wären schützenswert.

Ja, wenn das so ist, warum zum Geier werden die dann nicht ordentlich mit aufgenommen?!

Es gibt auch ganz wunderbare Aneinanderreihungen von Plattitüden, die es so nun wirklich nicht nochmal festgeklopft braucht (Hervorhebungen von mir):

Familien verdienen Unterstützung. Wir wollen jungen Menschen Mut zur Familiengründung machen. Es braucht Rahmenbedingungen, damit sie ihren Wunsch nach Familie verwirklichen können. Wir wollen gerade auch Schwangere in Konfliktsituationen verstärkt unterstützen, sich für das Kind entscheiden zu können. Der Staat muss sich beständig fragen, ob er Familien ausreichend fördert. Wir wollen eine familienfreundliche Arbeitswelt. Es gilt, die Vereinbarkeit von Familie, Beruf und anderen gesellschaftlichen Tätigkeiten zu erleichtern. Wir sind überzeugt: Arbeit in der Familie ist Arbeit für die Gesellschaft. Die Erziehung von Kindern und die Pflege von Angehörigen verdienen gesellschaftliche Anerkennung. Das muss auch bei der Alterssicherung gewürdigt werden. Wir treten für den Zusammenhalt der Generationen ein und fördern Mehrgenerationenwohnen: Auch Großeltern sind eine feste und wichtige Konstante im Leben der Kinder.

Ein Teil dieser Forderungen ist so alt wie die Familienplitik selbst. Der Rest ist eine interessante Formulierungs-Unterscheidung:

Denn es gibt Sachen, die sind gewollt: Vereinbarkeit, beispielsweise. Oder die Konfliktberatung von Schwangeren (nicht sehr neu, oder?)

Dann gibt es Sachen, für die wird eingetreten (also aktiv vorangetrieben!): Zusammenhalt der Generationen und Mehrgenerationenwohnen.

Ist letzteres sinnvoll? Natürlich! Gerade auf dem bayerische Dorf aber eh gelebte Realtität. Da muss nur wenig gefördert werden, weil die Familien das seit Generationen so handhaben. Verloren gegangen ist es dagegen im städtischen Umfeld, wo bezahlbarer Wohnraum Mangelware ist, seltsame Transaktionsspielchen die Immobilienfirmen bereichern (oder auch nicht) und Kinderbetreuungsplätze gleichfalls unbezahlbar sind – die Oma im Haus würde hier viel helfen, definitiv!

Zum auf-der-Zunge-zergehen lassen ist dann aber das hier, dass vor dem Ehe-und-Familienteil steht:

Ehe und Familie stehen bei uns im Mittelpunkt. Wer sie fördert, legt die Wurzel für immer neuen Zusammenhalt. Wir wollen eine familienfreundliche Gesellschaft, in der Kinder willkommen sind.

Denn, so ist das: Ohne Ehe keine Familie. Wer Familie und staatliche Förderung will, muss verheiratet sein. Und Ehe definiert sich als „Mann und Frau“, Ende im Gelände.

Ja herrschaftszeiten, wo simmer denn!? Und wann? Und wieso sagt mir keiner, dass wir alle gemeinschaftlich zurück in die 40er gezogen sind?!

Zum nachlesen:

Kommentar von Uta

Familie ist da, wo Kinder sind.

Ich bin ja kein Fan von Gerhard Schröder, aber mit diesem Ausspruch hat er recht. Und das sollte im Jahr 2016 doch wohl langsam mal jedem Menschen klar sein. Nicht aber der CSU. Und damit fischt sie am rechten Rand, genau wie mit anderen Passagen des neuen Grundsatzprogramms. Armes Bayern!

Familienpolitik heute sollte sich den realen Gegebenheiten anpassen und allen Familien helfen. Dazu ist mindestens eine Kindergrundsicherung oder ein Familiensplitting notwendig. Aber das sieht man im Süden der Republik wohl anders.

Sabrina
Hy, hier schreibt Sabrina. Freiberuflich als Copywriterin anzutreffen, mit Mann & zwei Kindern in enger Gemeinschaft. Feministisch, bindungsorientiert & zutiefst sarkastisch. Bekennende #coffeeholic

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