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Ein Plädoyer für Grautöne

Es ist verlockend, die Welt in schwarz und weiß einzuteilen. Etwas ist GUT. Oder BÖSE. Das macht es einfach, sich zu orientieren. Da gibt es die GUTEN, dort die BÖSEN. Manche haben Kekse, andere Tragetücher, die beste Milch der Welt, die meiste Zeit, das höchste Einkommen.

Dabei sind Grautöne erstrebenswerter. Warum?

Grautöne begegnen uns überall. Filmikonen wie „Der Pate“ Don Corleone zeigen, wie schwer das reine GUTE oder BÖSE eigentlich ist. Wie viel Grau notwendig ist, um das Leben zu meistern. Selbst die schlimmsten Idioten haben irgendwie, irgendwann einmal etwas gutes bewirkt. Und sei es, das sie Menschen für Politik begeistern, die vorher abgestumpft und dumpf keine Regung zeigten.

Wie schwarz (BÖSE) und weiß (GUT) uns beeinflussen

Wenn wir aufhören, auf Zwischentöne zu achten, wenn wir uns nicht mehr mit den „Warums“ und „Darums“ beschäftigen, sondern kategorisch in GUT und BÖSE teilen, berauben wir uns selbst.

Wir berauben uns der Empathie, anderer Menschen Beweggründe verstehen zu wollen.

Wir berauben uns der Vielfältigkeit, die durch verschiedene Menschen, Handlungsmotive und Lebensumstände erst zustande kommt.

Wir berauben uns der Möglichkeit, selbst verständnisvoll betrachtet zu werden.

Um meine Gedanken dazu auf typische Familienthemen herunterzubrechen:

Wer sein Kind niemals fernsehen lässt, ist nicht GUT; wer freien Medienkonsum predigt, nicht BÖSE. (Oder andersherum, je nach Einstellung).

Oder auch…

24h Kitas sind GUT für Schichtarbeitende Kinder, wer sie verbieten will fordert automatisch, dass diese Kinder unkoordiniert herumgereicht werden (BÖSE).

Oder…

Attachment Parenting bedeutet, das jeder stillt, trägt und sich aufopfert (GUT). Wer das nicht tut, wer arbeiten geht, sein Kind im eigenen Bett schlafen lässt oder sonstwie abweicht, der hat das System nicht verstanden (BÖSE).

Es gibt immer Graustufen dazwischen, warum die eine oder andere Richtung sinnvoll sein könnte. Es gibt immer einen Grund, warum jemand eine klare Richtung braucht, sucht oder meint, vorgeben zu müssen.

Die aktuelle Lage der Weltpolitik scheint zu fordern, das wir uns eindeutigst (kein Schreibfehler!) positionieren. Es gibt nur noch GUT oder BÖSE. Die Welt wird globaler – und doch kleiner, enger, Maschendrahtzaun-mäßiger. Terroristen sind immer böse, Kinderheirat und Kinderarbeit immer schlecht, die Trump-Unternehmen immer ausbeuterisch, die westliche Unterstützung von Dritte-Welt-Ländern immer gut, die klare Abgrenzung zwischen Länder immer gut, weltumspannende Abkommen wahlweise des Teufels oder ein Zeichen des Himmels.

Für jeden dieser Punkte gibt es viele Belege – und es gibt leise Zwischentöne. Die muss man zulassen, anhören und genau abwägen. Kinderarbeit beispielsweise ist für viele westliche Bürger eine undenkbare Ausbeuterei. Dass hier an vielen Orten sowohl das Selbstverständnis der Kinder als auch die Lebensgrundlage der Familien durch das Verbot der Kinderarbeit untergraben wird, ist nicht immer bekannt. Manchmal wird es als Kollateralschaden hingenommen. Grautöne wie die, dass das Einkommen von Kindern überlebenswichtig für Familien sein kann, dass die Kompensation zuverlässig und dauerhaft stattfinden müsste, damit Kinder statt Arbeit Bildung erfahren können – diese Grautöne kommen manchmal durch die dogmatische Schale aus Schwarz und Weiß nicht an.

Graustufen relativieren keine bösen Taten. Sie beschönigen nichts und ziehen auch keine heroischen Wundertaten in den Schmutz. Es geht mir um Tiefe, die hinter scheinbar klaren Fronten existiert. Abstufungen und feine Unterschiede, die aus einer flachen schwarz-weißen Welt erst ein Wunderwerk der Dreidimensionalität entstehen lassen.

Graustufen-Tauchen, oder: Karma-Gewinn

Wenn wir in diese Graustufen hineintauchen, wenn wir erst Menschen und dann ihre Motive hinterfragen, dann gewinnen wir.

Wir gewinnen Erkenntnisse darüber, was jemanden antreibt. Wie er sich fühlt, welche Werte und Bausteine im Leben im wichtig sind. Wir gewinnen Verständnis für ganz individuelle Situationen und Lebensumstände. Und manchmal gewinnnen wir dann auch Verständnis für uns selbst, warum uns manche Dinge triggern, warum uns so manche Position des „Gegners“ so anficht.

Um es mit dem Karma-Gedanken abzuschließen: Ich denke, mit der umsichtigen Akzeptanz von Grautönen, von moralischen Zwischentönen also, gewinnen wir einen empathischen Vorschuss. Wie wir anderen begegnen – ob nun dogmatisch und von uns selbst überzeugt oder offen, nachfragend und um Verständnis bemüht – das begegnet uns wieder. Es kommt (Karma-mäßig) zu uns zurück.

Und, so ganz nebenbei: Ich kann das in-Schubladen-gesteckt-werden wirklich überhaupt nicht leiden. Du vielleicht?

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