Phrase: „Aber muss ja jeder selber wissen“

In Diskussionen zwischen Müttern kommt sie oft. Diese „Aber muss ja jeder selber wissen“, synonym für „Jedem das Seine“ oder „Das entscheidet ja jeder für sich selbst“.

Die Grundaussage ist ja völlig und absolut ok. Was nicht ok ist:

In besagten Diskussionen (und ihr wisst wahrscheinlich, welche ich meine) ist die Konnotation ganz klar bei:

  • ICH würde das meinem Kind ja nie antun
  • Wie kann man nur …!
  • Aber ehrlich, wer so dumm ist …
  • Perlen vor die Säue

Manchmal wird versucht, Diskussionen damit die Spitze zu nehmen – indem darauf hingewiesen wird, dass jeder Elternteil selbst verantwortlich ist für sein Kind, dessen Bedürfnisse und Sicherheit.

Wie gehen wir damit am besten um?

Offensive, klare Erwiderungen helfen tatsächlich am ehesten. Also ein „Ja, ist ja auch mein Kind. Da weiß ich das.“

Alternativ hilft auch noch: ignorieren.

Oder, wie geht ihr mit dieser Alltagsphase um?

Phrasen: Der tanzt dir auf der Nase rum.

Wer von Euch hat diesen Satz noch nie gehört?

Niemand? – Wer hätte das gedacht?

In der Regel kommt diese Phrase, wenn Eltern die Bedürfnisse ihrer Kinder zuverlässig und sofort erfüllen. Wenn also z. B. das Baby schreit und die Eltern sofort hingehen und auf das Schreien reagieren. Oder wenn sie dem hungrigen Kleinkind etwas zu Essen geben, obwohl es doch in einer halben Stunde Abendessen gibt.

Es geht um Macht

Gerade die Großelterngeneration oder auch kinderlose Bekannte, packen diese Phrase gerne aus. Dabei gehen sie davon aus, dass die Erfüllung eines Bedürfnisses beim Kind dazu führt, dass das Kind lernt, das es alles bekomme. Es unterstellt dem Kind die Fähigkeit, seine Eltern zu manipulieren. Besonders lustig finde ich das, wenn dies bereits Babys nachgesagt wird, von denen aber gleichzeitig ausgegangen wird, dass sie nicht in der Lage sind, selber zu wissen, wann sie müde oder hungrig sind.

Hier schwingt eine ordentliche Portion Angst davor mit, dass man die Kontrolle verliert. Im Hintergrund geht es eigentlich um die Frage nach Macht. Dabei haben wir Eltern von Natur aus mehr Macht als unsere Kinder. Wir sind größer, stärker und können uns selber versorgen. Das alles können unsere Kinder noch nicht. Hinzu kommt, dass die Gesellschaft ebenfalls Erwachsenen mehr Macht einräumt als Kindern. So müssen wir doch eigentlich gar keine Angst davor haben, dass unsere Kinder mehr Macht über uns haben als umgekehrt.

Warum also diese Aussage?

Die Angst vor dem kindlichen Tyrannen

Das Menschenbild, das dieser Aussage zugrunde liegt, ist negativ: Ein Kind ist ein unfertiges Wesen, was geformt werden muss. Wenn die Erwachsenen nicht regulierend, d. h. erzieherisch eingreifen, kann nichts Gutes entstehen. Dies impliziert, dass der Mensch von Natur aus schlecht ist. Würde man darauf vertrauen, dass der Mensch grundsätzlich gut ist, müsste man ihn ja nicht erziehen.

Dabei geht es hier um die Erfüllung von Bedürfnissen. Es geht nicht darum, dem Kind jeden Wunsch sofort zu erfüllen (zur Abgrenzung von Wunsch und Bedürfnis habe ich ja bereits etwas geschrieben). Heutzutage wissen wir, dass die prompte und zuverlässige Erfüllung von Bedürfnissen dazu führt, dass diese von selber verschwinden. Daher ist die Angst unbegründet, dass Kinder, deren Bedürnisse gestillt werden zu Tyrannen mutieren. Und somit ist auch die oben genannte Phrase absolut überflüssig.

 

Weisheiten: Dann ist das halt so.

Das soll eine Weisheit sein? – Verstehe ich nicht.

Viele Dinge im Leben, ärgern uns fürchterlich, obwohl wir sie gar nicht ändern können. In diesen Situationen hilft mir dieser Satz: Dann ist das halt so.

Annahme

Es geht um Annahme dessen, was schon da ist. Denn wenn die Konferenz eben jetzt am Spielgruppennachmittag stattfindet, dann kann ich das eh nicht mehr ändern. Da hilft es auch nicht, wenn ich mich darüber aufrege. Das muss ich so annehmen, wie es ist. Natürlich kann ich darum bitten, die Konferenz beim nächsten Mal auf einen anderen Nachmittag zu legen, aber dieses eine Mal kann ich nicht ändern.

Oder wenn mein Kind tobt, weil ich zuerst den Kakao und dann die Milch in die Tasse getan habe und nicht umgekehrt, dann kann ich das nicht mehr rückgängig machen. Dann muss ich die Situation annehmen und auch mein Kind muss sie annehmen.

Dann ist das halt so.

Es ist ok, wenn ich mich darüber ärgere, aber es bringt nichts, mich dauerhaft über Dinge, die ich nicht ändern kann, aufzuregen. Das macht mir Stress, schlechte Laune und bringt mich keinen Schritt weiter.

Annahme bedeutet, die Dinge im Leben so zu nehmen, wie sie sind. Nicht gegen Realitäten anzukämpfen. Es bedeutet nicht, schicksalergeben zu leben und passiv nur zu reagieren. Aber Annahme hilft uns, mit Situationen umzugehen, die wir nicht ändern können. Und so können wir uns konstruktiv überlegen, was wir tun wollen, wie wir die Situation gestalten können anstatt uns dagegen aufzulehnen und destruktiv zu wüten und zu toben.

Annahme ist gerade im Leben mit Kindern wichtig. Denn da kommen wir häufiger in Situationen, die wir nicht komplett kontrollieren können. Die wir annehmen müssen. Schlaflose Nächte, weil das Kind krank ist, werden nicht erholsamer, wenn wir darüber wüten, dass wir keinen Schlaf bekommen. Sie sind aber leichter zu ertragen, wenn wir akzeptieren, dass es nun im Moment gerade so ist und schauen, wie wir das Beste daraus machen. (Vielleicht können wir ja tagsüber schlafen.)

 

Phrasen: Das hat mir auch nicht geschadet.

„Ich bin auch nicht gestillt/getragen worden. Außerdem haben mich meine Eltern auch schreien lassen. Das hat mir auch nicht geschadet.“

Wie oft habe ich diese oder ähnliche Aussagen wohl gehört, seit ich Mutter bin? Ich weiß es nicht, aber es war oft der Fall. Meistens, wenn meiner Gesprächspartnerin irgendetwas, was ich mit meinem Kind mache oder nicht mache auffällt, weil sie es ganz anders kennen gelernt hat. Oft erscheint es mir eine Rechtfertigung vor sich selber zu sein, dass man es doch auch richtig gemacht hat, bzw. dass die eigenen Eltern es auch richtig gemacht haben.

Aber stimmt das auch? Woher wissen wir, dass uns etwas nicht geschadet hat? Wissen wir, wer wir wären, wenn es anders gelaufen wäre?

Meiner Meinung nach ist diese Phrase absolut überflüssig. Vor allem in den oben genannten Zusammenhängen. Denn ich gehe davon aus, dass die große Mehrheit der Eltern nichts tut, womit sie ihrem Kind wissentlich schaden. Dennoch tun wir bestimmt alle Dinge und sagen Sachen, die unseren Kindern schaden können. Wir sollten vielmehr eine größere Offenheit zeigen dafür, wie es andere machen. Viele Wege führen nach Rom und es gibt mit Sicherheit viele Möglichkeiten, mit seinem Kind umzugehen, ohne ihm nachhaltig zu schaden.

Daher sollte man nicht davon ausgehen, dass man die allein selig machende Art gefunden hat, wie man leben sollte. Das ist arrogant und dogmatisch. Ich würde mir viel lieber Neugier und Toleranz wünschen. Fragen, warum ich es so mache, wie ich es mache und einen offenen Austausch, keine Phrasen.