Politisches
Schreibe einen Kommentar

#equalpayday am Arsch

Mein voraussichtlicher Rentenauszahlungsbetrag bringt mich zum Weinen.

Heute ist #equalpayday und die Artikel türmen sich zum Thema. Vor ein paar Jahren hatte ich mich noch gefragt, wie diese PayGap bloß zustande kommen kann. Und das mit der Altersarmut, das muss den Frauen doch schon vorher klar sein!?

Tja…. ich kanns dann jetzt völlig subjektiv aus eigener Erfahrung erklären.

Heute ist Samstag. Mein Mann ist morgens um 06:00 Uhr zu seiner 24h-Schicht aufgebrochen. Er wird bis zu seinem Dienstschluss morgen früh mehrere hundert Euro steuerfreie Zuschüsse zu seinem normalen Arbeitsentgelt erarbeiten. An drei Wochenenden im Monat, 52 Wochen im Jahr. Plus die normalen Zuschläge und den guten Stundenlohn, den die Gewerkschaften für seine Branche ausgehandelt haben, für die Schichten in seiner durchschnittlichen 50+ Woche.

Der Job ist anstrengend, hat mehr als einen Berufsabschluss erfordert und wird ihn gesundheitlich kaputt machen. Es ist sein Traumjob und all das wert.

Die durchschnittliche Lebenserwartung eines Feuerwehrmannes liegt bei unter 70 Jahren, für alle anderen kratzt sie an der 80er Marke.Dafür hat er mittlerweile neben der staatlichen auch eine betriebliche Alterssicherung. Plus Ansprüche aus einem vorherigen Job. Wenn das rechtlich ginge, er könnte jetzt bequem in Rente gehen. Zum Leben mit einem gewissen Standard würde es reichen.

Heute ist Samstag. Mein Tag beginnt mit nölenden Kindern. Während ich Frühstück mache und den Rest der Hausarbeit für einen typischen Samstag bewältige, werde ich wahrscheinlich gar nichts erarbeiten. Wenn die Kinder im Bett sind, kann ich wahrscheinlich einen oder zwei Aufträge abschließen. Mehrere hundert Euro werden es heute aber bestimmt nicht.

Ich arbeite zwar viel, aber nur selten 50h+. Und nur einen Teil dieser Stunden kann ich letztlich in Rechnungen umsetzen. Ich bin selbstständig. Da ist das ziemlich normal.

Meine Ausbildung hat insgesamt über 18 Jahre gedauert, ich bilde mich kontinuierlich weiter. Angefangen zu arbeiten habe ich, da war ich gerade 14 Jahre alt. Neben der Schule, dem Abi, dem Studium, der Schwangerschaft 1 und 2 ging es weiter. Elternzeit gab es ein Jahr – bei Kind 1. Da versuchte ich noch herauszufinden, wie ich mit Kind (wieder) in den Job komme.

2010 habe ich mich primär aus einem Grund für die Selbstständigkeit entschieden: Weil ich so unglaublich flexibel sein würde. Um die Kinderbetreuung zu sichern. Denn: Mein Mann arbeitet Schicht. Damals noch im 3-Schichtmodell, dann kamen die 24h Schichten.

Jeder von uns macht die Tätigkeiten, in denen er gut ist. Die Spaß machen. Und Sinn stiften. Das ist uns wichtig. Keiner von uns könnte sich auf einen stumpfen Brotjob einstimmen.

Wir sind jetzt bei zwei Kindern. Meine Selbstständigkeit läuft gut, keine Frage. Meine finanzielle Absicherung? Nicht. Aber das liegt an der Wahl der Branche, an der Wahl der Tätigkeit, an der Wahl der Selbstständigkeit. Daran, dass ich weiblich bin. Dass mein Einkommen unregelmäßig ist. Dass am Ende des Einkommens noch viel Monat übrig ist. Und daran, dass die gesetzliche Rente sich an der Höhe des Einkommens bemisst. Von meiner künftigen Rente nach aktuellem Stand könnte ich nicht mal zwei Personen mit Essen versorgen. Geschweige denn heizen, Strom beziehen oder am Wochenende die Enkel besuchen.

#equalpayday: Wir sind viele

Das Blöde ist: Ich bin ja gar kein blöder Einzelfall, bei dem jetzt blöderweise alles zusammengekommen ist, was ungünstig sein könnte. Die Welt hat da ein paar Grafiken gebastelt, die man sich mal anschauen sollte.

Basis ist die Studie „Mitten im Leben“ und ihre Ergebnisse sind, sagen wir es mal freundlich: zum Weglaufen, Verstecken und sich Fragen, was zum Geier hier eigentlich schief läuft.

Zahlen gefällig?

  • 10 Prozent (6 Prozent bei den Verheirateten) der 30-50jährigen Frauen haben ein Nettoeinkommen von über 2.000,-€ ( bei den Männern sind es 42 Prozent!)

Und diesen Punkt muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen: Obwohl (!) gut 82 Prozent der Frauen in Deutschland eine gute berufliche Qualifikation vorweisen können, ist ihr Arbeitsentgelt zu 90 Prozent niedrig. Der durchschnittliche Bruttomonatsverdienst lag 2014 bei 3.527,-€.  Lasst das einfach mal wirken.

  • 39 Prozent der 30-50jährigen Frauen sind Vollzeit berufstätig (88 Prozent bei den Männern)

Überdurchschnittlich häufig seien Frauen in Teilzeit beschäftigt. Klingt sperrig und meint:

  1. Weniger Geld netto auf die Hand (Ehegattensplitting, Steuerklassen….ihr kennt das bestimmt alle schon zur Genüge).
  2. Weniger Geld, dass in die staatliche Rentenkasse fließt und Altersarmut entgegenwirkt.
  3. Weniger Geld, um privat vorzusorgen. Wegen Altersarmut und so.
  4. Weniger Geld, um im Falle des Falles den eigenen Lebensunterhalt zu bestreiten.

Und immer dran denken: Praktisch wird es nach Teilzeit immer schwerer, irgendwann wieder in Vollzeit zurückzukehren. Dran denken, Teil 2: In Teilzeit sind die Bruttostundenlöhne niedriger (im Vergleich zu gleicher Tätigkeit, männliche Kollegen, freie Wirtschaft).

  • 14 Prozent der 30-50jährigen Frauen leben in einer Partnerschaft, in der Haushalt und Kinder partnerschaftlich bewältigt werden

Ich lass das mal so stehen.

„Das hast du dir so ausgesucht!“

Ja. Stimmt.

Blöderweise habe ich kein Talent für die ach-so-gefragten MINT-Berufe entwickelt. Ein gewisses Geschick in Web-Entwicklung ist zwar da – für einen Programmierer reicht es aber nicht. Und überhaupt, schleppe ich da viel Generation-Y-Balast mit mir herum.

Wie viele in meiner Generation hatte ich eine lange Ausbildungsphase, landete am Ende aber im Zeitraum der Finanzkrise. Feste Jobs mit Kleinkind im Schlepptau? Keine Chance.

Ich hätte ja die Kinder später bekommen können. Oder gar keine. Hab ich aber nicht. Sondern (vergleichsweise) früh. Bewusst. Dafür relativ blauäugig: „Wird schon passen mit der Vereinbarkeit“. Aus der Übergangslösung Selbstständigkeit wurde letztlich Berufung.

Selbst wenn ich einen  festen Job gewollt hätte: In meiner Branche wird immer noch schlecht gezahlt. Unbezahlte Praktika und Volontariate mit 60h+ bei < 1.000,-€ netto über Jahre hinweg sind keine Ausnahme. Eher die Regel. Und der Frauenanteil ist (wen wundert das noch?) überdurchschnittlich hoch.

Und dann ist da noch die Selbstständigkeit…. wer da keine 120 Prozent gibt, 70h-Wochen schiebt und niemals Urlaub macht, kommt halt nicht zu Potte. Da gibt es ja auch bessere Branchen, in denen man selbstständig sein könnte. Berater zum Beispiel. Die verdienen deutlich besser – und die Frauenquote ist niedriger. Das mit der Vereinbarkeit darf man dann halt nicht so genau nehmen.

Immer wieder samstags

Während ich diesen Blogbeitrag schreibe, verdiene ich kein sozialabgabe- und steuerrechtlich relevantes Geld. Aber mache den Kindern Frühstück, bespreche den Tag mit ihnen. Habe die Küche aufgeräumt und den Wäsche-Mt. Everest sortiert.

Unterbrechungsfreies Arbeiten ist nämlich nicht an Wochenenden.

Danach werden wir Eier färben, das Bad putzen, Wäsche aufhängen, Essen kochen, backen, spielen. Wir werden uns streiten und lachen und das machen, was mal jemand so treffend bezeichnete:

Dein Alltag ist ihre Kindheit

Heute abend, nach einem 12h Tag mit Kindern und Haushalt, fahre ich den Laptop erneut hoch. Dann beginne ich die Arbeit, die letztlich in die Steuer- und Sozialkassen fließen wird, die mir Freude bringt und Unternehmer plus Marken voran bringt. Damit ich irgendwann mal eine staatliche Rente bekomme, die mich zum Heulen bringt. Aber nicht vor Freude.

Steuerfreie Zuschläge für Wochenend-Arbeit? Nicht für mich.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.