Warum uns Flüchtlinge angehen – immer!

Dieses Thema liegt mir schwer im Magen. Schon seit Wochen, nachdem die ersten Berichte aus den Erstaufnahmeeinrichtungen (EAE) es in die Medien – und in meine Timeline schafften. Ich bin ja Optimist – wir leben in einem reichen Land, in dem im Grundsatz (!) jede(r) Hilfe bekommt. Er oder sie muss nur drum bitten, nur die richtigen Stellen anfragen. Ok, und Geduld haben (ja, Realist bin ich schon auch). Und dann spülen die verzweifelten Ehrenamtlichen Statements in meine Timeline, wie grauenvoll es teils in den EAE ist. #lageso geht seit Wochen durch die Medien. Schwangere werden nicht versorgt. Familien getrennt. Flüchtlinge werden ohne Geld, ohne Sprachkenntnisse in einem fremden Land allein gelassen. Traumatisierte (!) Menschen. Ein EAE mit tausenden Menschen – und nur ein einziger Arzt auf dem Gelände. Hilfsorganisationen, die nicht helfen dürfen. Oder, die den Mund nicht aufmachen dürfen, Abhängigkeitsgefälle und so.

Wie kann es bitte sein, dass in einem Sozialstaat niemand Flüchtlinge versorgt, sie in der Sommerhitze unversorgt stehen lässt? Tagelang?

Mein Optimismus geht sich einbuddeln. Mich macht das kaputt. Und wütend. Wir leben in einem Staat, in dem absolut jeder Ernstfall jederzeit behördlich abgedeckt ist – selbst Rasenmähzeiten und Kinderspielplatzregeln gibt es. Aber keine Kapaziäten, um schnell und effizient Menschen zu versorgen? Wer soll das glauben? Ich nicht. Oder, anders: Ich will es nicht. Ich will nicht dran glauben, dass es keine Regelwerke, keine Systeme und keine Protokolle gibt, die eben solche Szenarien abdecken. Schnelle medizinische Versorgung – menschenwürdig. Unabhängig davon, ob jemand bereits einen Registrierzettel (denkt ihr da auch an „Passagierschein A38“?!) hat.

„Sollen die doch wegbleiben, Deutschland ist voll!“

Ernsthaft?

Ich weiß, 1989 wurde das durchaus auch gesagt. Und wahrscheinlich auch 1945, 1946 …. wann immer sich Flüchtlingsströme durch das Land bewegt haben. Was mich umhaut: Es kommt aus der Ecke der Menschen, deren Vergangenheit mit totalitären Systemen nicht lange her ist. Die Menschen in der DDR haben – nicht alle, aber genügend – Schlepper bezahlt, auf der Flucht ihre Lieben verloren, ihr Hab und Gut zurück gelassen. Sie haben alles aufgegeben in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Haben sich mit nichts (und erkennbar anderer Sozialisation, anderem Dialekt, anderen Werten) ein neues Leben aufgebaut. Gleichermaßen abgelehnt und unterstützt durch „die im Westen“.

Meine Großeltern sind eine typische Nachkriegs-Mischung: Aus dem ehemaligen Schlesien, aus dem heutigen Thüringen, aus Brandenburg, aus Nordrhein-Westfalen. Sie sind geflüchtet – zu Fuß, im Winter. Haben Teile ihrer Familie verloren und wiedergefunden. Das Familiensilber im Schweinestall vergraben – und später nur Stücke wiedergefunden. Die letzten Wertssachen aus Angst vor Raub und Vergewaltigung nah am Körper getragen. Sich hässlich gemacht und jünger, um nicht belästigt zu werden. Sie haben sich dem Kriegsdienst gebeugt, um ihrem Land „zu dienen“ und sind verändert zurückgekommen. Haben im Krieg oder direkt danach geheiratet, schnell und ohne großes Gedöns – um einen Anker in der Welt zu haben.

Und dann war das vorbei, sie haben Wurzeln geschlagen, im brandenburgischen Land und an der Ostsee. Haben Kinder bekommen, Häuser gekauft oder Mieten gezahlt. Die Kinder haben sie großgezogen, Steuern gezahlt, haben ihren Beitrag zum Entstehen eines neuen Landes gebracht. Die DDR war und ist kein vorbildlicher Staat – und meine Großeltern haben das das eine oder andere Mal auch schmerzlich gelernt. Sie sind nicht (wieder) geflüchtet – und auch sonst niemand aus meiner Familie. Wir haben ausgeharrt, würde man wohl heute sagen. Keine große Kunst: Wir hatten Essen, Jobs, keine Bomben über uns. Stattdessen ein gutes Sozialgefüge und frei verfügbare Bildung. Klar, Reisen war nicht drin und die Wahrheit durfte man auch nur selten ungestraft aussprechen, Bildung war auch nicht für absolut alle da…  Ich verstehe jeden, den allein die Zustände in der DDR zur Flucht getrieben haben. Obwohl gar kein Krieg herrschte. Obwohl es „nur“ ein totalitäres Regime mit Pseudo-Wahlen und hyperfunktionierendem Spitzelsystem war.

Wie könnte ich da KEIN Verständnis aufbringen für Menschen, die aus einem gottverdammten Kriegsgebiet flüchten? Wie kann irgendjemand diesen Menschen mit „go home“ Schildern  entgegentreten, wie es teilweise in Österreich passiert? Was ist bloß mit uns los, dass wir das überhaupt zulassen, diese Herzlosigkeit?!

Die Debatte wird ja nicht am Flüchtling geführt – der oder die ist nur eine Nummer, ein Antrag auf einem meterhohen Stapel. Ein zu belegendes – oder gleich ganz fehlendes – Bett. Eine Portion in der Kantinen-Schlange. Die Debatte wird an Pro-Kopf-Kosten geführt, an „wer nimmt mehr Flüchtlinge je tausend Einwohner“ auf. Letzteres ist übrigens Schweden, ist das nicht schräg? Weiter weg von Syrien, Afghanistan und Co. geht es ja nicht mehr. Der Libanon nimmt die meisten syrischen Flüchtlinge auf – also die, die jetzt gerade das braune Pack besonders „ärgern“ durch ihre reine Existenz in Deutschland. Da sitzen die Menschen aus den Kriegsgebieten dann unversorgt zu Tausenden in Zeltlagern – im Libanon. Und wenn sie dort erstmal erfasst sind, kommen sie in keine anderes sicheres Land mehr – denn sichere Herkunftsländer sind sichere Herkunftsländer, auch wenn es dort kein Essen, kein festes Dach über dem Kopf oder medizinische Versorgung gibt.

Ach ja: sichere Herkunftsländer. Wirtschaftsflüchtlinge – das wird auch alles einen Topf geworfen. Die Flüchtlinge aus der DDR haben sich auf den Weg in den „goldenen Westen“ begeben – und das nicht nur, aber auch wegen der besseren Löhne, der größeren Autos, der freien Reisen. Wir haben in Brandenburg die Polen, die  in deutschen Supermärkten Schokolade kaufen (polnische Schokolade ist leider oft richtig schlecht – und teuer!). Und deutsche Studenten, die jenseits der Oder Wohnungen in Polen mieten – weil die Mieten dort so günstig sind. Studiert wird in Frankfurt an der Oder – das sind 15min über die Grenze. Wer ist da Wirtschaftsflüchtling? Kann man Menschen wirklich vorwerfen, aus ihrer Situation „das Beste“ zu machen? … für mich war das bisher Globalisierung.

Unsere ganze Gesellschaftsform ist auf das Streben nach Besserem angelegt. Wir wollen immer mehr: bessere Jobs, bessere Bezahlung, mehr Ware für unser Geld, mehr Bildung für unsere Kinder, mehr Urlaub, bessere Arbeitszeiten … Merkst du was? Genau – wir alle streben nach „mehr“. Dass das jemandem zur Last gelegt wird, der in einem Monat so viel verdient wie manche von uns an 2-3 Tagen? Dass tatsächlich Menschen der Wunsch nach einer Krankenversicherung, normalen medizinischen Standards wie Impfungen (kostenfrei, weil von der Kasse getragen!), kostenloser Bildung negativ ausgelegt wird?

Und zurück zu syrischen Flüchtlingen: Sie hatten all das, was wir auch haben. Häuser & Wohnungen. Jobs. Einkommen. Familienausflüge am Sonntag und gemeinsame Abende vor dem Fernseher. Bis die politische Situation eine andere wurde. Bis die Verbindungen zum „Westen“ zum Verbrechen wurden. Bis die Jobs aus westlich orientierten Unternehmen wegfielen. Bis die ersten Bomben Städte zerstörten. Und Familien zerrissen. Menschen töteten.

Was macht das mit Dir?

Wir sind nicht für das gesamte Elend der Welt verantwortlich. Aber für das, das vor unserer eigenen Haustüre passiert. Da ist es erstmal egal, welche Staatsangehörigkeit jemand hat. Oder welche Hautfarbe, welche Religion. Wer Hilfe braucht, soll Hilfe bekommen. Und wer Hilfe geben kann, der soll sie geben dürfen!

Diese Videos und Berichte in den Zeitungen, den privaten Meldungen und all den Blogs hauen mich um. Nennt mich emotional, keine Ahnung. Aber der Kontrast zwischen all den kleinen Alltagsdingen

Ist das Brot noch gut? Soll K1 wirklich noch ne Handvoll Gummibärchen? Oh mist, schon wieder Schuhe und Hosen kaputt! Da ist noch ein Auftrag, der fertig werden muss. He guck, tolles Thema – lass uns da mal ein paar Bücher bestellen, ich order das eben über Amazon!

Und dann dieses Elend, diese menschenunwürdige Abfertigung von Menschen aus Kriegsgebieten! Der Hass, der ihnen entgegenschlägt. Brandanschläge, wütende Mobs. Gegenüber Menschen, die sich – nur vielleicht und ganz kurz – sicher gefühlt hatten nach einer monatelangen Flucht. Und so werden sie „begrüßt“. Von Brandstiftern. Von „besorgten Bürgern“. Ich lese auch von Menschen, die das „nicht mehr können“ – diese Berichte zu lesen, Videos zu sehen, Nachrichten zu verfolgen. Ich verstehe das. Selbstschutz ist wichtig. Man möchte sich abstumpfen, verschließen, einigeln. Bloß nichts mehr sehen, hören oder sagen müssen zum Thema. Wie die drei Affen (kennt ihr?) – und die schweigende Mehrheit macht genau das.

Die Asylverfahren selbst gehören auf den Prüfstand, mit Sicherheit. Es ist menschenunwürdig, Personen monate- und oft genug jahrelang in der Schwebe zu halten. Ihnen das Recht zu Arbeiten und das Recht auf freie Bewegung in einem freien Land vorzuenthalten. Es ist menschenunwürdig, jemandem die Teilhabe an der Gesellschaft mit behördlichen Vorschriften zu verweigern. Und kommt mir nicht mit „Das Problem haben Hartz IV-Bezieher auch!“ oder „Ja, aber das ist doch zu ihrem eigenen Schutz!“ Erste Lektion in interkultureller Bildung, Starter-Seminar an der Uni: Inklusion gelingt nur, wenn die Rahmenbedingungen passen – und das ist Aufgabe des Staates! Es ist *auch* seine Aufgabe, Seduktion zu verhindern – um eine offene Gesellschaft zu erreichen. Eine, in der jeder seiner Religion nachgehen kann, Menschenrechte geachtet werden – und Diskriminierungen aufgrund von Herkunft, Geschlecht oder Religion geahndet werden.

Bullshit-Bingo | Lorenz Meyer | sheng-fui.de
Bullshit-Bingo | Lorenz Meyer | sheng-fui.de

Es ist noch viel menschenunwürdiger, diese Personen gar nicht erst in unserem reichen Land willkommen zu heißen – egal, ob sie bald wieder abgeschoben werden oder demnächst Teil unserer Gemeinschaft werden. Es ist unser aller nicht würdig, wenn wir Angst um mögliche Grundstückspreise haben (Hamburg, Flüchtlingsheim, ihr erinnert euch?!), statt uns Sorgen um diese Menschen zu machen. Wenn wir gemütlich unseren Cappuccino schlürfen, während nebendran Flüchtlinge seit 2 Tagen unversorgt in der Sonne auf die Registrierung warten. Es ist, um die moralische Keule zu komplettieren, absolut unchristlich. Bei einem christlich geführten Land, mit bekennender christlich-sozialer Ausrichtung der Regierungspartei – stimmt das nur mich nachdenklich? Wie viel Lippenbekenntnis steht denn dann im „C“ der CDU, der CSU?

Unter jedem Artikel, jedem Video und jedem persönlichen Statement Pro-Asyl finden sich dann die, die die Flüchtlinge nach Hause schicken wollen. Die, die Angst um die eigenen Sozialleistungen bekommen. Die, die ganz heucherlisch nach Hilfen für Obdachlose, Renter oder Kinder schreien. „Besorgte Bürger“ können sich per Definiton nur um deutsche Staatsbürger sorgen. Sonst hießen sie ja „besorgte Menschen“, oder? Und weil jemand kein deutscher Bürger ist, ist er dann nichts wert? Warum?

Und nu?

Eine Freundin hat neulich geschrieben: „Wenn jeder vor seiner eigenen Türe mit anpackt und dort hilft, wo es gebraucht wird, dann wäre das für uns alle hilfreich.“

Wenn Du lieber Obdachlose oder Renter versorgt sehen willst: Dann bitte, lade den nächsten Obdachlosen zum Frühstück ein. Oder trag der alten Dame die Einkäufe nach Hause. Frag bei deinen Nachbarn nach, wenn du meinst, da läuft was nicht rund. Spendier dem Kindergarten eine Runde Spielzeug oder dem Frauenhaus deine aussortierte Kleidung. Kannst du alles machen – ist schon viel geholfen. Hör auf zu jammern, die Flüchtlinge würden Leistungen beanspruchen, die jemand anders nötiger bräuchte. Pack mit an.

Und die, die traumatisierten Flüchtlingen helfen wollen: Wir finden einen Weg. Manchmal sind es Kleiderpakete. Oder Schuhe. Mal- und Bastelsachen. In Regensburg hat ein Unternehmer spontan den Kofferraum voller Schwimmbassins geladen und zur Unternkunft gebracht – damit die Kinder in der Sommerhitze etwas im Wasser planschen konnten. In Österreich hat eine lokale freiwillige Feuerwehr spontan Wasserspiele aufgebaut. Oder gleich neue Kameraden aus den Flüchtlingen gemacht und wirklich aktiv für die Integration gearbeitet.In #lageso existiert längst ein komplettes Netzwerk mit regelrechter Stabsführung, um die Versorgung zu gewährleisten. Mareice vom Kaiserinnenreich beschreibt das. Eindrucksvoll. Freiwillige opfern ihre Sommerurlaube oder freien Schichten. Es fehlt an vielen Aufnahmestationen – und im normalen Betrieb. An allen Ecken und Enden.

Und manchmal ist es nur Zeit, die benötigt wird. Ein Dolmetscher, der sich die Geschichten der Flüchtenden anhört. Jemand mit einem offenen Ohr.

Und Menschen, die den Mund aufmachen. Zeitungen & Onlinemacher, die für Menschenwürde und die Einhaltung der  Menschenrechte den Mund aufmachen. Menschen, die keinen Fußbreit für das braune Pack zurückweichen. Wenn sich keiner aufrafft, dann wiederholt sich die Geschichte. Ich will das nicht. Uta auch nicht. Wir wollen kein 3. Reich. Keine Abgrenzung vom Rest der Welt. Keine Kategorisierung von Menschen nach Herkunft, Religion oder Einbürgerungsbescheid. Nicht mit uns!

#bloggerfuerfluechtlinge sammelt aktuell Spenden, betterplace.org bietet die Plattform dazu.Mitmachen! Jeder einzelne kleine Euro ist immer noch besser – als schweigen oder nichts tun.

Pro Asyl hat einen Leitfaden online gestellt, für alle die mit Flüchtlingen arbeiten (wollen). Auf der Webseite proasyl.de finden sich auch aktuelle Bedarfslisten der meisten Aufnahmestationen oder Flüchtlingszentren. Auch hier: Mitmachen!

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Sabrina
Hy, hier schreibt Sabrina. Freiberuflich als Copywriterin anzutreffen, mit Mann & zwei Kindern in enger Gemeinschaft. Feministisch, bindungsorientiert & zutiefst sarkastisch. Bekennende #coffeeholic

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