Vom schwach fühlen und stark sein müssen

Manchmal glaube ich, ich hätte alles soweit im Griff. Kinder, Job, Haus und dieses Erwachsenendings. Nicht unbedingt easy, aber läuft schon. Und dann kommt das Leben und grätscht mir dazwischen.

So ein bisschen hatte ich vergessen, wie sich das schwach-sein, das hilflos-sein so anfühlt. Ausgeliefert. Wie schwer es ist, dieses „zusammenreißen“. Das durchhalten. Das „ist schon ok“-tun.

Ich habe mir recht mühsam abtrainiert, auf „Na wie gehts?“ mit „Gut!“ zu antworten. Ehrliche Antworten führen bei dieser reinen SmallTalk-Frage oft zu weit. Deshalb der Kompromiss: „Geht so!“ Das fand ich ganz schön stark von mir, mich da nicht mehr so sehr dem Ideal der oberflächlichen Antwort zu beugen, diesem höflichen SmallTalk-Mist, der niemanden weiterbringt.

Aber dieses“geht so“…. Es ist weit weg vom eigentlichen gut, aber auch kein echter Aufhänger für den Seelenstriptease. Ein Kompromiss eben. Aber vor ein paar Wochen, da merkte ich: Alles doch nur Fassade, nur eine weitere Schicht der Maske für die Außenwelt. Eine Fassade, die bei echter Belastung echt schnell bröckelt. So schnell, dass ich plötzlich ganz nackt und schutzlos echte Emotionen erkennbar zeigte. Und das taugt mir so gar nicht. Meine Gefühle gut verpackt nur sehr wenigen Menschen zu zeigen – das taugt mir. Damit komme ich klar.

„Schwach“ fühlt sich scheiße an

Vor einiger Zeit gab es mal die Kampagne, die „stark ist das neue sexy“ als Kernbotschaft für junge Mädchen transportierte. Ich bekomme weder zusammen, wer sie initiierte noch ob es 2015, 2016 oder noch davor war… falls es jemand weiß, hinterlasst doch bitte unten einen Kommentar, ich würds gern im Original verlinken.

Aber was mir geblieben ist über all die Zeit seitdem, das ist das sachte Unbehagen. Gut, sexy sein zu müssen, weil es Werbung und Gesellschaft so erwarten, ist Mist. Aber stark sein zu müssen, weil sexy-sein out ist – was wäre daran besser?

Statt schwach stark sein zu müssen – und ja, das fühlt sich so sperrig an wie es sich liest! – ist totaler Mist. Doppelmist quasi. Es ist anstrengend. Es blockiert. Und es löst nicht ein einziges Problem. Es schiebt nur an. Es macht krank, und das nachhaltig.

Und dann kommen solche Kampagnen, dann fallen „Stell dich nicht so an“ Sprüche oder „Wir müssen jetzt stark sein“ Sätze. Zusammenbrechen ist keine Option, es muss ja weiterlaufen, irgendwer muss sich ja kümmern. An irgendeinem Punkt haben wir das verlernt, dass schwach-sein auch ok ist. Und normal. Oder: Habe ich das verlernt.

Mein gefühlsstarkes großes Kind kann das. Sie konnte das schon als Baby und sie kann es noch immer, auch als fast-Teenie. Ich glaube sogar, sie wird das immer können: Alle Emotionen zulassen. Alles rauslassen. Komplett einbrechen. Oder aufblühen. Und irgendwann wieder hochkommen, aus diesem emotionalen Zirkus.

Für mich dagegen sind Angst und Trauer und Hilflosigkeit Gefühle, die ich gar nicht erst zulassen will. Weil es sich wie ein Dammbruch anfühlt, den ich – zumindest gefühlt – nie wieder kitten kann.

Das sprichwörtliche Licht am Ende des Tunnels

Das einzig gute an einer emotionalen Krise ist, wenn Menschen drumherum sie als das erkennen, was sie ist. Und helfen. Wenn sie sich Urlaub nehmen, obwohl sie eigentlich keinen Urlaub mehr haben. Oder Päckchen mit kleinen Aufmerksamkeiten schicken (Alexa, du bist ein Goldstück. Das weißt du, oder?).

Oder einfach nur liebe Worte und gute Gedanken schicken. Dann ist das schwach-fühlen immer noch mist. Und ungewohnt. Aber ein bisschen weniger schlimm.

nach

Hy, hier schreibt Sabrina. Freiberuflich als Copywriterin anzutreffen, mit Mann, zwei Kindern & Bürohund in enger Gemeinschaft. Feministisch angehaucht, bindungsorientiert & zutiefst sarkastisch. Bekennende #coffeeholic

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