Mein Papa ist gestorben. Und obwohl ich viele, viele Monate lang Zeit hatte, mich auf diesen Moment vorzubereiten, traf es mich dann doch, wie es so schön heißt, ganz unvorbereitet.
Die ersten Tage, Wochen, Monate waren hart. Und zugleich leicht in dem Sinne, dass ja Familie, Freunde und langjährige Kundschaft Bescheid wussten. Ich hatte hinreichend Möglichkeiten, über die Situation aufzuklären, mögliche lange Antwortzeiten schon vorab zu erklären usw. usf. Die Erwartungen an mich waren – zumindest für eine Weile – geringer, Trauer und Tränen hatten ihren Platz. Und das wir uns da richtig verstehen: Dafür bin ich auch sehr sehr dankbar. All zu oft wird die Trauer mit einem “Er/Sie hatte ja ein langes Leben” hinweg gewischt, als wäre ein Lebensalter über 70 schon ausreichend, um unbetrauert vergessen zu werden.
Nach ein paar Monaten verschob es sich dann. Das Leben geht weiter (muss es ja auch!), und die Trauer rutscht ins heimliche Unsichtbare. Offen darüber zu sprechen, das fühlt sich irgendwie falsch an. Als könnte ich nicht “loslassen”, obwohl ich rational genau weiß, dass das völliger Blödsinn ist. Ich musste die Hand meines Papas loslassen, als er tot war. Ihn selbst und meine Erinnerungen an ihn muss ich ganz sicher niemals “loslassen”.
Mit der Trauer leben lernen
Oder eher, mit dem Vermissen leben. Mit dem schlechten Gewissen leben, weil ich am Ende kaum etwas über die Lippen gebracht habe und noch so viel hätte sagen wollen. Und es am Ende doch nur (gefühlte) Nichtigkeiten waren.
Grief is an attachment injury.
Es gibt dieses Bild von der Trauer als schwarzem Ball, der nicht einfach kleiner wird – der Trauernde und seine Fähigkeit, damit umzugehen, wird nur einfach größer. Das bereitet einen aber auch nicht darauf vor, dass ganz kleine, ganz banale Alltagsdinge einen völlig aus der Bahn werfen können.
Ein bestimmtes Lied im Radio. Der Geruch von Birnenkompott. Der Gürtel, den ich vor 25 Jahren aus Papas Schrank “geliehen” habe und noch immer trage und oft in der Hand habe. Das und viele andere Dinge werfen mich mit Schwung in ein Trauertal, aus dem ich mich alltagsbedingt mal schneller, mal weniger schnell herauskämpfen muss.
Trauer kommt in Wellen – wie das Meer, wie Wasser
Papa hat die Berge gemocht und die Nordsee geliebt. Der Mann aus dem flachen Oderbruch war am liebsten dort, wo es Wasser und Wind und das beste Gebäck gab.
Wie passend, dass es zum Umgang mit Trauer die Metapher der Trauerpfützen gibt:
Kleine Teiche voller Traurigkeit, die man manchmal mitten auf dem Weg findet. Kinder, so heißt es in einem Kinderbuch (Leni und die Trauerpfützen, Heine/Vöhringer), springen hinein – werden nass – und hüpfen fröhlich weiter ihres Wegs.
Meine Trauerpfützen scheinen eher Tümpel zu sein sein, denn manchmal versinke ich darin. Manchmal schaffe ich es, drumherum am Rand entlang zu balancieren, obwohl der Weg voller Teiche und Tümpel zu sein scheint. Und manchmal springe ich bewusst hinein und lasse alles ganz dicht an mich heran.
Der Wechsel aus Alltag, Trauer und Alltag ist mal mehr, mal weniger leicht. Es wird leichter mit der Zeit, und es wird leichter, wenn ich bewusst Erinnerungen an meinen Papa/den Opa in den Alltag einbaue. Also schallt jetzt hin und wieder ein “Das hätte der Opa toll gefunden!” durchs Haus. Und wenn ich kann, dann erzähle ich Geschichten von früher, wie so eine alte Dame.
Hy, hier schreibt Sabrina. Freiberuflich als Copywriterin anzutreffen, mit Mann & zwei Kindern in enger Gemeinschaft. Feministisch, bindungsorientiert & zutiefst sarkastisch. Bekennende #coffeeholic