Seit einiger Zeit sammle ich Erste Male, also Dinge, die ich noch nie zuvor gemacht habe. Die meisten davon allein, ein paar auch in Gesellschaft. Manches ist total banal. Und das ist ok, denn es darf im aufgeladenen, hektischen Alltag ja auch vielleicht mal das kleine, scheinbar unwichtige sein, dass zum allerersten Mal geschafft/bewältigt/angegangen wird. Oder?
In den letzten Jahren ist einiges zusammengekommen, dass mich sehr freut:
Ich war allein auf Konzerten.
Bin zum ersten Mal für ein Konzert über Nacht verreist – allein, als Geburtstagsgeschenk zu meinem 40. Von mir für mich, wenn man so will.
Habe einen Kopfstand gemeistert, fast ohne Hilfe. Und einen Ellbogenstand!
Bin in der Mitte des Schwimmbadbeckens geschwommen und sogar im Bergsee, obwohl ich jahrelang nur am schnell greifbarem Rand schwimmen wollte konnte.
Ich habe gelernt, Silikon- und Acrylfugen zu setzen. Und das auch ziemlich sauber, wenn ich das mal anmerken darf.
Habe Wände (mit-)eingerissen und massive Stahlträger (mit-) ausgebuddelt.
Und dann war da noch der Moment, als ich zum ersten Mal ein Kind zu seiner ersten Abschlussprüfung gefahren und das erste Mal beim Bewerbungsprozess für eine Ausbildung begleitet habe.
Dieses Jahr kamen allerdings noch einige Dinge dazu, die ich lieber (noch) nicht erlebt hätte:
Denn dieses Jahr habe ich zum ersten Mal den letzten Atemzug eines Menschen miterlebt. Ich habe zum ersten Mal einen sterbenden Menschen begleitet und zum ersten Mal einen toten Menschen berührt. Ich habe einen früher so starken Mann mit all meiner Kraft gestützt, damit er noch einmal auf eigenen Beinen stehen konnte, habe Lippen befeuchtet und ganz zarte, silbrige Haare von seiner Kleidung gesammelt.
Und dann habe ich eine leere weiße Urne durch halb Deutschland transportiert und danach halb bemalt wieder zurück gefahren, damit sie liebevoll von Enkeltöchtern gestaltet die Asche beherbergt. Habe mir über Trauerlieder Gedanken gemacht und darüber, ob es wohl ok ist, zwischen all dem auch mal zu lachen.
Auf diese ersten Male hätte ich wirklich gern verzichtet. Oder wenigstens hätte ich mir gewünscht, dass sie ein bisschen später gekommen wären.
Grief is an attachment injury (Trauer ist eine Bindungsverletzung) heißt es wohl, und das stimmt. Auf solche Verletzungen lässt es sich schwer vorbereiten und sie schmerzen noch lange, nachdem die letzten Blumen verwelkt sind und sich die Welt einfach weiter dreht.
Für ein weiteres erstes Mal sammle ich noch Mut. Einen letzten Wunsch soll ich erfüllen, ich habe versprochen mich darum zu kümmern. Aber noch kann ich mich nicht dazu durchringen. Also vielleicht bleiben die Ordner mit Ahnenforschung, die ich an eine bestimmte Institution zur Archivierung übergeben soll, noch ein klitzekleines bisschen länger auf meinem Schrank im Arbeitszimmer liegen.
Hy, hier schreibt Sabrina. Freiberuflich als Copywriterin anzutreffen, mit Mann & zwei Kindern in enger Gemeinschaft. Feministisch, bindungsorientiert & zutiefst sarkastisch. Bekennende #coffeeholic