Phrasen: Wem gehört das Kind?

„Wem gehört das Kind?“ – „Sich selbst.“
Eine gedankenlose Frage. So dahin geworfen.
Erst die Antwort verwirrte den Fragenden.
„Wieso sich selbst? Das meinte ich doch gar nicht.“

Wirklich nicht?

Oft sind es gerade die unüberlegt daher gesagten Phrasen, die unser Denken entlarven.

Wie sehe ich (m)ein Kind? Als Objekt oder Subjekt? Besitz der Eltern? Oder als eigenständiges Individuum von Anfang an? Mit riesigem Potential und unendlichen Entwicklungsmöglichkeiten.

Eure Kinder sind nicht eure Kinder.
Sie sind die Söhne und Töchter der Sehnsucht des Lebens nach sich selber.
Sie kommen durch euch, aber nicht von euch,
Und obwohl sie mit euch sind, gehören sie euch doch nicht.
Ihr dürft ihnen eure Liebe geben, aber nicht eure Gedanken,
Denn sie haben ihre eigenen Gedanken.
Ihr dürft ihren Körpern ein Haus geben, aber nicht ihren Seelen,
Denn ihre Seelen wohnen im Haus von morgen, das ihr nicht besuchen könnt, nicht einmal in euren Träumen.
Ihr dürft euch bemühen, wie sie zu sein, aber versucht nicht, sie euch ähnlich zu machen.
Denn das Leben läuft nicht rückwärts, noch verweilt es im Gestern.
Ihr seid die Bogen, von denen eure Kinder als lebende Pfeile ausgeschickt werden.
Der Schütze sieht das Ziel auf dem Pfad der Unendlichkeit,
und Er spannt euch mit Seiner Macht, damit seine Pfeile schnell und weit fliegen.
Laßt euren Bogen von der Hand des Schützen auf Freude gerichtet sein;
Denn so wie Er den Pfeil liebt, der fliegt, so liebt er auch den Bogen, der fest ist.
(Khalil Gibran, arabischer Dichter, 1883-1931)

Phrasen: Das hat mir auch nicht geschadet.

„Ich bin auch nicht gestillt/getragen worden. Außerdem haben mich meine Eltern auch schreien lassen. Das hat mir auch nicht geschadet.“

Wie oft habe ich diese oder ähnliche Aussagen wohl gehört, seit ich Mutter bin? Ich weiß es nicht, aber es war oft der Fall. Meistens, wenn meiner Gesprächspartnerin irgendetwas, was ich mit meinem Kind mache oder nicht mache auffällt, weil sie es ganz anders kennen gelernt hat. Oft erscheint es mir eine Rechtfertigung vor sich selber zu sein, dass man es doch auch richtig gemacht hat, bzw. dass die eigenen Eltern es auch richtig gemacht haben.

Aber stimmt das auch? Woher wissen wir, dass uns etwas nicht geschadet hat? Wissen wir, wer wir wären, wenn es anders gelaufen wäre?

Meiner Meinung nach ist diese Phrase absolut überflüssig. Vor allem in den oben genannten Zusammenhängen. Denn ich gehe davon aus, dass die große Mehrheit der Eltern nichts tut, womit sie ihrem Kind wissentlich schaden. Dennoch tun wir bestimmt alle Dinge und sagen Sachen, die unseren Kindern schaden können. Wir sollten vielmehr eine größere Offenheit zeigen dafür, wie es andere machen. Viele Wege führen nach Rom und es gibt mit Sicherheit viele Möglichkeiten, mit seinem Kind umzugehen, ohne ihm nachhaltig zu schaden.

Daher sollte man nicht davon ausgehen, dass man die allein selig machende Art gefunden hat, wie man leben sollte. Das ist arrogant und dogmatisch. Ich würde mir viel lieber Neugier und Toleranz wünschen. Fragen, warum ich es so mache, wie ich es mache und einen offenen Austausch, keine Phrasen.

Phrasen: Kinder brauchen Grenzen

„Kinder brauchen Grenzen!“ Eine weniger abgenudelte Phrase gibt es wohl nicht. Und meist wird sie benutzt, wenn sich Erwachsene von Kindern überfordert fühlen. Wer kennt die Situation auch nicht? Dieser intensive Wunsch, die Kinder würden einfach mal tun, was man gesagt hat. Ohne, dass man dies begründen und ausdiskutieren muss.

Brauchen Kinder Grenzen?

Wahrscheinlich schon. Aber der Satz impliziert, dass es im Leben der Kinder keine Grenzen gäbe. Das ist aber so nicht wahr. Kinder stoßen täglich an Grenzen, je kleiner sie sind, desto mehr. Schon allein durch ihre Entwicklung kommen sie ständig an den Punkt. Sie möchten etwas tun, aber es gelingt ihnen noch nicht. Dadurch lernen sie. Das ist aber auch frustrierend. Mir stellt sich da die Frage, ob ich meine Kinder noch zusätzlich frustrieren soll, indem ich ihnen künstliche Grenzen setze. Ich kann zum Beispiel die kostbare Vase wegräumen, statt meinem Kind zu verbieten, sie anzufassen. Ich kann auch auf die Gefühle meiner Kinder eingehen, statt sie ihnen zu verbieten.

Auf die Art der Grenze kommt es an

Kinder brauchen keine willkürlich gesetzten Grenzen. Es besteht keine Notwendigkeit, Kindern Dinge zu verbieten, nur damit es eine Grenze gibt. Aber Kinder haben ganz natürliche Grenzen. Diese kann ich respektieren und achten. Ich selber habe ja auch natürliche Grenzen. Die kommuniziere ich meinen Kindern gegenüber auch und setze sie auch durch, wenn es mir wichtig ist. Wenn ich grundsätzliche die Grenzen der Kinder respektiere, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass sie meine Grenzen auch respektieren. Weil ich authentisch bin und weil sie das sehen.

Grenzen setzen um der Grenze wegen, ist einfach nur sinnlos und willkürlich.

Zum Umgang mit Kindern hat das unerzogen-Magazin ein tolles Interview mit Jesper Juul veröffentlicht.

Phrasen: „Weil ich es sage!“

Diese Phrase ist bestimmt vielen von uns schon einmal rausgerutscht. Manchmal ist es einfach furchtbar anstrengend, seinem Kind gegenüber alles zu begründen. Dennoch bin ich der Meinung, dass dies eine wichtige Kontrollinstanz ist. Denn wenn ich meine Ansprüche an mein Kind nicht begründen kann, sollte ich mich fragen, ob sie wirklich gerechtfertigt sind.

Keule raus und drauf!

„Weil ich es sage“ ist ein Totschlagargument. Und es zeigt unseren Kindern, dass ihre Meinung und ihre Bedürfnisse weniger wert sind als unsere. Ich für meinen Teil möchte das nicht. Für mich sind erst einmal alle Meinungen und Bedürfnisse wichtig. Egal von wem sie sind. Wenn dann die verschiedenen Bedürfnisse kollidieren, wägen wir gemeinsam ab, welches wichtiger ist. Und dabei gehe ich weder davon aus, dass meine Bedürfnisse grundsätzlicher wichtiger sind, weil ich ja die Erwachsene bin und es daher besser weiß. Das ist Adultismus. Genausowenig stelle ich meine Bedürfnisse grundsätzlich hinter die meiner Kinder oder meines Partners zurück. Ich versuche, sie im Dialog mit meinem Gegenüber zu gewichten und im besten Fall miteinander zu vereinbaren.

Der Satz „Weil ich es sage“ hat aber noch eine andere Dimension. Denn ich möchte – wie wahrscheinlich die meisten Eltern – dass meine Kinder zu selbstbewussten und kritischen Persönlichkeiten heranwachsen, die ihr Potenzial ggf. auch gegen Widerstände entfalten können.Ist das mein Wunsch? Dann muss ich mir die Frage stellen: Ist mein Umgang mit meinen Kindern so, dass sie auch selbstbewusst und kritisch werden können?

Totschlagargumente eignen sich nicht dafür, weil sie kritische Fragen im Keim ersticken.

Phrasen: „Wie sagt man?“

Diesen Satz kennt bestimmt jeder: „Wie sagt man?“ Und die erwartete Antwort ist auch klar. Es soll ein Danke sein.

Ich finde das fürchterlich. Ich möchte nicht, dass jemand zu mir Danke sagt, wenn derjenige das nicht auch so meint. Ist das der Sinn eines Dankes? Ist das aufrichtig?

Natürlich freue ich mich über diese kleine „Zauberwort“. Aber ich fordere es nicht ein. Allerdings sage ich selber gerne und oft Danke. Und so sind auch meine Kinder dazu übergegangen, dieses Wort zu benutzen. Als sie das noch nicht taten, habe ich mich an ihrer Stelle bedankt, wenn ich das für angebracht hielt. Mittlerweile machen sie es selber. Und dann weiß ich, dass sie es auch so meinen.

Eine ähnliche Erfahrung zum Thema „Entschuldige dich“  beschreibt der Blog Paulchens kleine Welt.

Danke

Danke