Ich könnt dich gerade … wenn die Sicherung durchbrennt

Der Tag begann eigentlich am Abend vorher: zu spät heim gekommen. Weder Abwasch noch Wäsche wie durch Zauberhand erledigt – sondern immer noch in der Warteschleife. Plus das Gepäck und die Wäsche nach einem Familienwochenende samt vereinsinterner Fortbildung. Nach dem anstrengenden (schönen) Wochenende dann Montag morgen, Alltag. Unordnung überall, Kinder müde und wenig kooperationsbereit. Weniger als 6 Stunden Schlaf habe ich auch schon mal besser vertragen, der Gatte auch.

Druck erzeugt Gegendruck erzeugt Frust erzeugt Druck. Soll ich noch erwähnen, dass neben Vereinsaufgaben auch der normale berufliche Alltag laut pochend auf dem Plan steht?

Mit mehr Druck als gut war, das größere Kind zum Anziehen überredet. Dabei „Ich höre nicht auf dich, nur auf Papa!“ zu hören bekommen. Zwei Minuten später wollte besagtes Kind vorgelesen bekommen. Ihr wisst schon: Druck, Gegendruck, Frust….. ich verweigerte die Vorleseleistung. Pochte auf frische Kleidung, gekämmte Haare, angezogene Schuhe, pünktliches Eintreffen im Kindergarten. Verzweiflung beim größeren Kind. Der Papa konnte retten. Und fuhr mit Tochterkind beinahe pünktlich in Richtung Kindergarten.

Moment, hier sind morgens ja zwei Kinder zu versorgen. Der Kleinste spielte seelenruhig mit liegen gebliebenem Kram auf dem Boden. Anziehen? Zur Krippe laufen? Pünktlich ankommen? Interessiert ihn – nicht. Natürlich nicht. Druck erzeugt Gegendruck erzeugt Frust … der Jüngste ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Bitten, betteln, die verhasste Erpressung – kein Erfolg. Die Nerven nur Schall und Rauch. Plötzlich öffnet sich mein Mund und spuckt ein „Muss ich dich holen kommen?! Das muss hier morgens funktionieren! Spielen kannst du später“ aus. Ihh. Tatsächlich half in dem Moment nur Kind greifen – auf die Couch packen samt Festhalten – blitzschnell anziehen.

In AP-Kreisen ein Nogo. Gewalt am Kind. Und schon beim Umsetzen blitzen die ersten Gewissensbisse. Hätte ich nicht doch mehr Geduld aufbringen müssen…?! Mit Blick auf die Uhr: Nein, Geduld ist aus. Dafür verlassen mich klare, feste Ansagen. Der jüngste hat das mit Druck, Gegendruck und Frust wohl besser verstanden – denn plötzlich läuft alles wie am Schnürchen.  Jacke, Mütze, Schuhe, Kuscheltier, Auto, anschnallen, Krippe – tschüss sagen und in den Gruppenraum laufen. Ganz verblüfft stehe ich kurz nach halb neun im Kindergarten: Kinder pünktlich abgeliefert. Zurück zum Schreibtisch und ran an die Aufgaben.

Und mein schlechtes Gewissen?

Ist zu Recht da.

Gewalt am Kind hat viele Formen. Respektvolles Miteinander und vertrauenswürdige Beziehungen vertragen sich nur schlecht mit zwangsweisem Anziehen, Festhalten oder rüdem Zurechtweisen.

Die Einschränkung bleibt: Ich darf auch mal explodieren, laut werden, blöde Sachen sagen. Auch gute Normale Mütter haben schlechte Tage. Und an schlechten Tagen rutschen uns Sachen durch, die wir sonst vermeiden. Wie festhalten, respektloses Zeugs sagen, laut werden, erpressen, bestrafen. Wichtig – für mich, gegen mein schlechtes Gewissen – ist es, meinen Kindern klar zu machen, dass ich doch ab und an Druck habe – und nicht dagegen ankomme. Es besser weiß – und doch falsch mache. Mich entschuldige, wenn ich wieder durchatmen kann.

Und beim nächsten Mal …

… prüfe ich, ob ich nicht gleich den Montag nach einem vollen Wochenende frei nehme. Damit wir alle daheim ankommen, Unordnung und Wäsche beseitigt werden. Damit wir entspannt in die Woche starten – am Dienstag.

… greife ich auf meinen Beitrag zum Unwort: Müssen zurück. Und überlege, ob ich wirklich *muss*.

… hole ich mir Unterstützung.

Oder komme auch einfach zu spät.

Sabrina
Hy, hier schreibt Sabrina. Freiberuflich als Copywriterin anzutreffen, mit Mann & zwei Kindern in enger Gemeinschaft. Feministisch, bindungsorientiert & zutiefst sarkastisch. Bekennende #coffeeholic

2 Gedanken zu „Ich könnt dich gerade … wenn die Sicherung durchbrennt“

  1. Puh, und danach wieder entspannen und nachher entschuldigen.

    Wie wäre es denn das morgen Programm ein bisschen zu ändern? Bei uns ist in der Regel erst anziehen dann Spielen und Frühstücken + Zähneputzen dran.

    Lg Kerstin

    _____

    1. Genau: entspannen, runter kommen und entschuldigen.

      Bislang haben meine Versuche, das Programm morgens zu ändern, nichts gebracht. Schön blöd, wenn im Hause fast alles Morgenmuffel wohnen, die erst nach ’ner Weile belastbar sind!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.